Thema: Rückkehr - Das Gegenteil von Freiheit?  (Gelesen 2453 mal)

erde-erleben

« am: 29. Oktober 2014, 20:56 »
Liebe Weltreisende,

die Reisezeit, war die schönste meines Lebens. Die Freiheit jeden Tag zu entscheiden, was ich machen kann. Nun bin ich zurück in der Mühle und ich kann noch nicht richtig in Worte fassen, wie ich mich fühle.

Ich bin traurig und finde mich wieder in den Zeilen von Rilkes Gedicht "Der Panther"  :'(

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1902, Paris


Ist das nur eine Phase oder ein Alarmsignal? Was kann ich tun, um mich besser zu fühlen oder um besser mit dieser durchgetakteten Welt klarzukommen?
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farmerjohn1

« Antwort #1 am: 30. Oktober 2014, 03:23 »
Schon der roemische Historiker Tacitus bemerkt ueber Germanien:
''Wer hätte ferner, ganz abgesehen von der Gefährlichkeit eines unwirtlichen und unbekannten Meeres, Asien, Afrika oder Italien verlassen sollen - um nach Germanien zu ziehen, in das wüste Land mit rauem Himmel, abschreckend für den Anbau und den Anblick, - außer wenn man es zum Vaterland hat?''

Fuer modernere Zeiten gilt: es ist eines der wenigen Laender ueberhaupt, in dem es ein kultureller Grundwert ist, Dinge um ihrer selbst willen zu tun - und zwar nicht als ''l'art pour l'art'', sondern aus prinzipieller, sachbezogener, praktisch-nuetzlicher, aufgeklaerter Korrektheit. Kaum eine andere Kultur hat Denker aufzuweisen, die so deutlich gesagt haben, dass nur geistige Unfaehigkeit auf der einen oder schuldhafte Faulheit und Feigheit auf der anderen Seite Ursachen fuer Unmuendigkeit sind.
 
Ist man draussen, sehnt man sich oft nach sowas. Ist man in Deutschland, sind die resultierenden Vorteile nichts weiter als selbstverstaendliche Grundlagen, bzw. oft auch nur 'theoretisches Soll'; in der Alltagswirklichkeit sieht man sich selbst (waehrend draussen das eigentlich lebendige Leben vorbeizieht) dabei zu, wie man  entweder als innerlich Toter funktioniert, oder einfach plattgewalzt wird.

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Sjoukje

« Antwort #2 am: 30. Oktober 2014, 07:53 »
Bei uns geht es im April 2015 für ein Jahr um die Welt - und genau davor haben wir am meisten Angst, dass wir hier dann gar nicht mehr zurecht kommen....leider schreibt das irgendwie jeder, dass das Zurückkommen sooo schwer ist....aber irgendwie werden wir wohl Alle damit zurechtkommen müssen; können ja eine Selbsthilfegruppe gründen :-)

Liebe Grüße
Sjoukje
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Jens

« Antwort #3 am: 30. Oktober 2014, 08:51 »
Ja das ist immer so ein thema. Ich hatte zum Glück nicht so die Probleme damit, aber das hatte auch den Grund, dass Job und Wohnung noch dawaren als ich zurück kam. Ich habe darüber mal einen Blogbeitrag geschrieben, gerne auch ein Feedback als kommentar erwünscht!
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Radlerin

« Antwort #4 am: 30. Oktober 2014, 09:49 »
Jens, schöner Beitrag!

Nach der Rückkehr habe ich auch einige Zeit gebraucht, hatte dann auch mal einen Flash und war total gestresst, bis mir das bewusst wurde und seitdem habe ich Gefühl des tiefenentspannt seins von der Reise wieder ausgegraben  :)

Ich schätze derzeit mein Zuhause viel mehr als vor der Reise und habe oft Lust, im nächsten Jahr einfach mal was "normales" im Urlaub zu machen, also Europa erkunden. (Zwischendrin würde ich aber auch gern manchmal einfach sofort losziehen...)

Aber... die nächste Auszeit ist schon im Kopf, zwar unkonkret was die Gestaltung betrifft, aber mir ist klar, dass das nochmal gehen muss.

Zitat
Ist das nur eine Phase oder ein Alarmsignal? Was kann ich tun, um mich besser zu fühlen oder um besser mit dieser durchgetakteten Welt klarzukommen?

Mir hat es geholfen, im Alltag zu entschleunigen, also bewusst mal keinen Freizeitstress, weniger ist mehr, und mich darauf zu besinnen, wozu ich gerade Lust habe. So ein bißchen wie auf Reisen.
Und du kannst ruhig auch mal nein sagen, wenn dir die Anforderungen von aussen zu viel werden.

Zitat
leider schreibt das irgendwie jeder, dass das Zurückkommen sooo schwer ist....aber irgendwie werden wir wohl Alle damit zurechtkommen müssen; können ja eine Selbsthilfegruppe gründen :-)
Gar keine schlechte Idee  ;)
Mir hilft es manchmal schon, hier ins Forum zu schauen. Toll war es auch beim Weltreisegrillen bei Jens, oder auf dem Globetrottertreffen in Hachenburg. Sich mit Gleichgesinnten treffen und merken, dass nicht du der Alien bist, sondern die anderen  8)

@erde-erleben: wie lange bist du denn schon zurück?
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Vombatus

« Antwort #5 am: 30. Oktober 2014, 10:32 »
Zurück und jetzt? Und irgendwie wird es auch nicht wirklich besser mit der Zeit oder?, Immer wieder kommen Schübe von Fernweh und Sehnsüchte hoch. Ich finde, dass man nach der Rückkehr erst mit vielen anderen Dingen beschäftigt ist und sobald man im "alten Leben" wieder drin ist merkt man wieder wie viel es hinter dem Tellerrand noch zu entdecken gibt. Was ist nur aus den Vorsätzen geworden? Gut beschrieben, hier zum Beispiel von ditsA
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=9404.msg73343#msg73343

Eine Phase die vorbei geht ja. Aber sie wird wieder kommen. Ein Alarmsignal wäre es, wenn du die Phase nicht hättest, wenn du sagen würdest, nein, mir reichen 4 Wochen Urlaub im Jahr. Passt schon.

Es gibt aber auch mehr, vielleicht eine Familiengründung, eine neue Liebe oder eine andere spannende Herausforderung in Hobby oder Beruf. Überlege dir, was dir die Reise gebraucht hat, und wie du daraus etwas machen oder in den Alltag mitnehmen kannst http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=10777.0 Kannst du dir Frage auch beantworten? Was hat sich verändert nach der Reise?

Am Ende gibt es vielleicht gar keine Antwort, vielleicht muss man sich einfach bewusst sein was man schon erlebt hat, welchen Weg man gegangen ist, wie einfach und anders es war und man verdammt glücklich und dankbar sein kann für jeden Moment … und das man die Zukunft in seinen eigenen Händen hält, wenigstens ein Stückchen. Hier habe ich mal einen Text angehängt zum Thema Neuanfang http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=6645.msg70637#msg70637  Ein Text über Komfortzonen und wie man was dagegen machen kann.

Nach der Riese ist vor der Reise. Jedenfalls bist du nicht alleine, viele stellen sich die Frage "Was will ich eigentlich?" wie die reisende hier:
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=10844.0
oder hier
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=9907.0
oder hier
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=10345.0
Und der Rückkehr-Blues
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=8844.0
Und was kommt danach?
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=8098.0
Schwere Rückkehr:
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=7767.0
Der Kulturschock nach der Rückkehr
http://weltreise-info.de/forum/index.php?topic=6468.0

Mittel gegen den Blues
http://weltreise-info.de/wiedereinstieg/blues.html

Fände es auch gut, wenn du hier im Forum von deinen Erlebnissen schreibst, Ratschläge und Meinungen teilst, anderen hilfst. Das hilft wirklich … auch dir.

PS: Wie lange warst du unterwegs? Wo? Wie war es? Und seit wann bist du zurück? Hast du schon neue Reisepläne für die Zukunft?
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Reisenoob

« Antwort #6 am: 30. Oktober 2014, 10:32 »
Kenne ich irgendwie überhaupt nicht.
Bei mir war es eigentlich komplett anders herum. Nach spätestens 2 Wochen habe ich mich so gefühlt, als wäre ich nie weg gewesen. Das kann aber auch daran liegen, dass meiner Rückkehr viele Aufgaben auf mich gewartet haben und ich so einfach zu beschäftigt war, der Reise nachzuhängen.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich erst nach meiner Reise gelernt habe, mein Heimatland Deutschland richtig zu schätzen zu wissen.
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Jens

« Antwort #7 am: 30. Oktober 2014, 12:14 »
...., oder auf dem Globetrottertreffen in Hachenburg. Sich mit Gleichgesinnten treffen und merken, dass nicht du der Alien bist, sondern die anderen  8)

JA der Hafen für´s Fernweh ist schon klasse!! Schau doch einfach mal, ob in deiner Gegend ein Regionaltreff der Globetrotter stattfindet https://www.globetrotter.org/globetrottertreffen.html?no_cache=1
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Einmalrundum

« Antwort #8 am: 30. Oktober 2014, 22:26 »
Stimmt zurückkommen ist scheisse, denn nach der Reise ist vor der letzten Reise. Also mal ehrlich , hätte ich nicht schon immer an Fernweh gelitten wär ich doch gar nie los. Also tut mal nicht so, es ist halt genau so schlimm wie vorher wenn man sich mal wieder eingerichtet hat. Das dauert natürlich so seine Zeit. Aber nach der Reise gibt es einen endscheidenden Vorteil. Mann weiss das es noch ein anderes Leben gibt, dass man ausbrechen kann und das man das ganze gezeter und gejammere in unseren Kreisen nicht immer so ernst nehmen muss.
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Jenny_far_away

« Antwort #9 am: 31. Oktober 2014, 21:47 »
Also ich muss sagen, dass mir dieses Forum immer sehr hilft gegen das Fernweh und vor allem gegen das "sich fehl am Platz fühlen". Immer, wenn ich es fast nicht mehr aushalte vor lauter Fernweh komme ich hierher und lese, manchmal schreibe ich dann auch. Das tut gut. Bücher helfen auch...Andreas Altmann lese ich gerade...da träumt man sich sofort zurück nach Indien oder wo er auch gerade immer unterwegs ist.

Versteht mich nicht falsch, ich habe mich inzwischen eigentlich gut eingelebt, hab einen Job der gutes Geld bringt. Der ist zwar nicht ganz das was ich wollte, dafür könnte ich mir aber keine besseren Kollegen wünschen. Außerdem hab ich mich auch gut in der neuen Stadt eingelebt und finde langsam neue Freunde. Allem in allem bin ich zufrieden, wäre da nicht dieses andauernde Gefühl, dass es da draußen noch so viel mehr zu entdecken gibt. Die Abenteuerlust lässt mich einfach nicht los, das bedrängen jeden kleinen Winkel der Erde zu erforschen. Dagegen ankämpfen? - Aussichtslos. Ich habe es längst aufgegeben und so plane ich munter die nächsten short trips und die nächste große Reise wird auch kommen, da bin ich mir sicher :) Ich kann einfach nicht mehr anders und vielleicht klappt es ja irgendwann und ich wage den letzten Schritt und mache das Reisen zu meinem Leben.

Und was ist so schlimm daran zu wissen, dass es noch etwas anderes da draußen gibt? Das man nicht in dieser Mühle gefangen ist? Das ist doch unglaublich beruhigend, ein gigantisches Geschenk quasi, dass uns von unseren Reisen geblieben ist - das Wissen, dass es auch anders geht und das man jederzeit ausbrechen kann aus seinem Alltag. Du dich nicht einschränken musst, weil die Welt dein zu Hause ist und eben nicht nur ein kleines Fleckchen auf unserem Globus. Wenn man sich daran wieder erinnert, dann ist das Gefühl von Freiheit auch wieder da und man kann aufatmen ;)
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Team Adalbert

« Antwort #10 am: 02. November 2014, 03:54 »
Ich kann, denke ich mal, viele aufmuntern. Ihr habt noch keine Kinder?

In Deutschland kann man insgesamt 3 Jahre Elternzeit nehmen und zwar beide Partner und das bis zum 8. Lebensjahr des Kindes. Wir haben uns so eine zweite Auszeit schaffen koennen und sind komplett 2014 unterwegs. Ist doch schoen sich auf so was zu freuen und dann in Familie loszuziehen.

Was man da alles erleben kann - koennt ihr in unserem Blog lesen - siehe unten.

Also Kopf hoch...
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erde-erleben

« Antwort #11 am: 04. November 2014, 19:55 »
Hallo zusammen,

danke für eure aufmunternden Worte.


Fände es auch gut, wenn du hier im Forum von deinen Erlebnissen schreibst, Ratschläge und Meinungen teilst, anderen hilfst. Das hilft wirklich … auch dir.

PS: Wie lange warst du unterwegs? Wo? Wie war es? Und seit wann bist du zurück? Hast du schon neue Reisepläne für die Zukunft?

Ich war 1 jahr unterwegs, davon eine lange Zeit in Südamerika, Pazifik und Asien. Es war eine großartige Zeit und mein Freund und ich haben immernoch unsere Tagebucheinträge, an denen wir uns erfreuen können. Neue Reisepläne habe ich noch nicht. Es gefällt mir wieder in Deutschland und mit meinen Freunden. Ich hätte gern mehr Zeit für Familie und Freunde. Durch meine Vollzeitstelle und Pendeln kann ich nicht soviel spontan machen, was ich schöner finden würde. Dadurch fühlt sich vieles so durchgetaktet an.
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erde-erleben

« Antwort #12 am: 04. November 2014, 19:57 »
Stimmt zurückkommen ist scheisse, denn nach der Reise ist vor der letzten Reise. Also mal ehrlich , hätte ich nicht schon immer an Fernweh gelitten wär ich doch gar nie los. Also tut mal nicht so, es ist halt genau so schlimm wie vorher wenn man sich mal wieder eingerichtet hat. Das dauert natürlich so seine Zeit. Aber nach der Reise gibt es einen endscheidenden Vorteil. Mann weiss das es noch ein anderes Leben gibt, dass man ausbrechen kann und das man das ganze gezeter und gejammere in unseren Kreisen nicht immer so ernst nehmen muss.

Schöne Worte. Das muss man sich immer wieder vor Augen halten.
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Sanja

« Antwort #13 am: 05. November 2014, 17:09 »
Oh wie gut ich dich verstehen kann. nach unserer ersten Weltreise (ca. 1 Jahr) war es so schlimm die ersten Wochen über die deprimierte Menschen und das schlimmste Kinder die morgens so aussehen als ob die ein eine Doppelschicht hintersich hätten, und nicht wie auf Reise wo selbst die die fast nix haben immer noch glücklicher erscheinen. Aber nach ein paar Wochen wurde es besser dann kam die zweite große Reise (halbes Jahr ) und als wir zurückkämmen wars schon viel besser. Das komische Gefühl ging viel schneller vorbei, weil man einfach so viel schönes und gutes erlebt hat und genau weiß das nicht alle Menschen so sind wie hier. Und Mann hat ja schließlich so viel an was man sich errinern kann. (Tipp zB. Eine Flasche Wein mit deinen Freund öfnen und die Bilder von der Reise anschauen und darüber reden wir hatten immer das Gefühl danach als ob wir für ein Abend wieder auf Reise wären. Und denn nächsten Tag ist man wieder 1000* besser gelaunt :) in paar Wochen geht's wieder auf große Reise für halbes oder ein Jahr und ich wette danach wird es noch einfacher hier wieder klar zu kommen. Also Kopf hoch das Leben geniesen und vor allem weiter Reisen ;)
Ps: sorry wenn mein Deutsch nicht perfekt ist bin erst mit 14 hergekommen.
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