Bettelei

Zu den eher unangenehmen Randerscheinungen einer Fernreise gehört das Thema Bettelei. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich können in manchen Ländern schockierend sein.

Zu Hause begegnest Du zwar hin und wieder auch Bettlern, aber es sind wenige. Und da sich in den meisten westlichen Industrienationen der Staat noch nicht ganz aus der Verantwortung für seine Bürger gestohlen hat, können die meisten ohne allzu schlechtes Gewissen an einem Bettler vorbei gehen, ohne etwas zu geben.

Aber dann kommst Du nach Indien oder Peru, und plötzlich funktioniert das Wegschauen nicht mehr.

Bettelei durch Erwachsene

Oft sind die Bettler die Gebrechlichen, Kranken, die von der Gesellschaft nicht aufgefangen werden, jedenfalls nicht vom Staat. Die Alten; die Landminenopfer; die Poliokranken, deren Leid man im Kindesalter mit einer einfachen Schluckimpfung hätte verhindern können. Vielen Bettlern sieht man auf den ersten Blick an, dass sie keine andere Chance haben, sich zu ernähren. Du wirst erleben, dass Einheimische diesen Menschen regelmäßig Geld zustecken, weil sie wissen: sie könnten sehr bald selbst dort sitzen. Gerade bei Krüppeln funktioniert das mit dem Betteln so gut, dass manche Verzweifelte sich selbst verstümmeln, weil Sie als beinamputierter Bettler überleben können, als arbeitsloser Gesunder aber nicht.

Wer diesen Menschen nicht helfen will, muss völlig abgestumpft sein. Das Problem, das Du sogar als reicher Ausländer hast, ist: es gibt an manchen Orten so viele von ihnen, dass Du nicht jedem etwas geben kannst. Du wirst also immer wieder in einen seelischen Konflikt kommen. Manche Reisende leiden sehr stark darunter. Die Bettler führen Dir nämlich zwei Dinge sehr deutlich vor Augen: 1. wie gut es Dir selbst geht, und 2. den eigenen Egoismus. Natürlich könntest Du jedem etwas geben. So lange, bis das Geld alle ist. Die Reise wäre möglicherweise sehr schnell vorbei, aber es würde vielen Menschen besser gehen. Trotzdem tust Du es nicht. Warum? Weil Dir Deine Reise wichtiger ist. Solche Gedanken hat von Zeit zu Zeit jeder, bewusst oder unbewusst.

Lass Dich von diesem Konflikt nicht auffressen. Dass Du an einem Hilfsbedürftigen einfach vorbei gehst, macht Dich nicht automatisch zu einem schlechten Menschen. Die wenigsten von uns heißen Mutter Theresa. Zunächst mal ist wichtig, dass Du auch ohne direkte Spenden hilfst, nämlich dadurch, dass Du reist und Geld ausgibst. Du pumpst Geld in die Volkswirtschaft des Landes, und einiges davon wird letztlich doch noch in der Hand des Bettlers landen, wenn auch vielleicht über mehrere Zwischenstationen. Als Backpacker ergibt es sich schon durch die Art des Reisens, dass relativ viel Geld in die Taschen von Kleinunternehmern vor Ort geht, und nicht so viel an staatliche Stellen, Konzerne oder gar ausländische Investoren. Alleine durch Deine Anwesenheit trägst Du so dazu bei, Wohlstand und Arbeitsplätze zu schaffen. Das solltest Du immer im Hinterkopf behalten.

Natürlich hindert Dich nichts daran, auch direkt zu helfen. Probier mal zu Hause in der Fußgängerzone aus, wie gut sich das anfühlt. Du solltest Dir während der Reise aber selbst Regeln dafür setzen. Manche tun das, indem Sie pro Tag ein Budget für Spenden haben, z.B. insgesamt 2 Euro. Dann wird den ersten Bettlern jeweils etwas gegeben, bis die Summe ausgeschöpft ist. Ich selbst mache es meistens so, dass ich mir die kleinste Banknote oder Münze aussuche, die ich überhaupt aufbewahren will, und wenn ich einen Bettler treffe, bekommt er alles aus meiner Tasche, was kleiner ist. Der Vorteil, wenn Du solche Regeln hast, ist: Du musst nicht jedes Mal wieder mit Dir den Konflikt austragen, ob Du jetzt helfen willst.

Bettelnde Kinder

Das ist ein ganz schwieriges Thema. An einem bettelnden Kind vorbeizugehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ist fast unmöglich. Trotzdem ist gerade hier Zurückhaltung angesagt. Wenn ein Kind mit Betteln mehr Geld verdienen kann als der Vater mit einem 60-Stunden-Job, dann wird es zum Betteln geschickt werden und nicht in die Schule. In manchen Fällen "erwirtschaften" die Kinder so das gesamte Familieneinkommen, während für die Eltern kein Anreiz besteht, sich Arbeit zu suchen. Für die Kinder bedeutet das, dass ihnen sämtliche Aussichten auf ein besseres Leben genommen werden, denn ohne Ausbildung ist man in vielen Ländern völlig chancenlos.

Wenn Du Kindern etwas geben willst, dann am besten etwas, das ihnen persönlich hilft. Schulmaterialien wie Kugelschreiber oder Blöcke sind ok. (Allerdings haben sich gerade Kugelschreiber in vielen Gegenden inzwischen zu einer Art Ersatzwährung entwickelt, so dass es besser ist, sie den Lehrern zu geben.) Auch gesunde Lebensmittel wie Wasser oder Obst kannst Du verschenken. Nicht ok sind Süßigkeiten oder Cola, denn in den mittellosen Familien ist Zahncreme ein Luxus, den sich die wenigsten leisten können.

Die DOs und DON'Ts

Helfen

Gehe nicht an jedem Bettler vorbei. Arbeite an Deinem Karma! Außerdem tut Geben Deiner Seele gut. Das mag vielleicht sogar ein wenig egoistisch sein, aber warum sollen nicht beide Seiten etwas davon haben?

Du kannst die Probleme der Welt nicht alleine lösen

Du kannst nicht allen helfen. Lass auch noch etwas Arbeit für andere Reisende oder für die Einheimischen übrig. Es reicht völlig, wenn Du Deinen kleinen Beitrag leistest. Aber den leiste bitte auch!

Niemals die Geldbörse zücken

Zeige kein Großgeld, wenn Du einem Bettler etwas gibst. Am besten ist es, wenn Du in einer Hosentasche vorher schon das Geld aussortiert hast, das Du spenden willst. Wenn Du mit größeren Scheinen hantierst, weckst Du Begehrlichkeiten und wirst eventuell auch von irgendwelchen Bösewichtern dabei beobachtet.

Auch Kleinbeträge geben

Jeder noch so kleine Betrag hilft. In Indien kann man sich z.B. für 5 Rupien (weniger als 10 Cents) satt essen.

Zurücksetzung vermeiden

Wenn irgendwo mehrere Bettler sind, gib allen etwas. Wenn Du nicht allen etwas geben kannst, gib nur einem etwas. Für die, die nichts bekommen haben, ist es leichter zu akzeptieren, wenn es nur einen "Glückspilz" gibt.

Kindern kein Geld geben

Es wird viel diskutiert, aber inzwischen sind sich die Hilfsorganisationen einig, dass Geldspenden an bettelnde Kinder auf lange Sicht mehr schaden als nützen. Es ist zwar grausam gegenüber diesem einen Kind, das gerade vor Dir steht, und das von dieser Strategie wahrscheinlich nichts mehr hat. Aber für viele andere Kinder verbessern sich die Chancen im Leben, wenn Betteln keine kurzfristig lohnende Alternative zu einer Ausbildung ist.

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