Thema: Heimweh - ein Tabuthema  (Gelesen 2585 mal)

northcape

« am: 24. November 2008, 15:37 »
Liebe Reisende,

ich will hier mal ein ganz heikles Thema ansprechen, von dem ich im Forum bislang nichts lesen konnte. Aber vielleicht betrifft es ja auch niemanden?
Wir sind jetzt noch keine zwei Monate unterwegs; es ist meine erste grosse und wirklich lange Reise und es hat mich doch schon einige Male ganz hinterruecks und gemein angefallen: das Heimweh, fies und unberechenbar.
Nun muss ich dazu sagen, dass ich auch im ersten Monat ziemliches Pech hatte und gleich zwei mal krank war, das eine Mal davon richtig heftig und in El Calafate of all places. Klar, dass man sich da nur nach Hause wuenscht.
Aber manchmal taucht es auch ganz unerwartet auf, inmitten von etwas wirklich Schoenem. Oder aber auch wenn man ausnahmsweise mal inner Absteige landet, die man sich vorher nicht ansehen konnte, die keine Heizung hat und es draussen stuermt und regnet und das Haus wackelt. In solchen Momenten wuerde ich dann am liebsten alles hinschmeissen, die Heimreise antreten und - mir daheim dann wahrscheinlich nach drei Tagen in den Hintern beissen, weil Winter ist und mich die Routine zurueck hat und tierisch nervt.

Aber wie damit umgehen, wenn es einen so hinterruecks anfaell? Bin ich allein mit diesem Problem? Gibt sich das irgendwann oder wird es eher schlimmer? Manchmal macht mich das ewige von einem Ort zum naechsten fahren, organisieren, nicht richtig schlafen koennen, weil es irgendwie ueberall laut (er als daheim) ist einfach nur wahnsinnig, obwohl wir schon zusehen, dass wir mindestens 4 Tage an einem Ort bleiben.

Ich bin gespannt, zu hoeren, wie es anderen so geht.

Northcape
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karoshi

« Antwort #1 am: 26. November 2008, 10:04 »
Hallo Northcape,

Deine Frage ist relativ schwierig zu beantworten, weil jeder ein wenig anders drauf ist und ich Deine genaue Situation auch zu wenig kenne. Ich habe mir auch Zeit mit der Antwort gelassen, weil ich nicht zwischen Tür und Angel ein paar nichtssagende Phrasen von mir geben wollte, von denen Du nichts hast. Also dann.


Du hast natürlich Recht, generell wird das Thema Heimweh oft in den Hintergrund gedrängt. So eine große Reise ist ein herausragendes Erlebnis, auf das man sich so lange gefreut hat, wahrscheinlich hat man vorher auch das gesamte soziale Umfeld damit überschüttet -- da baut sich bei allen Beteiligten eine sehr große Erwartungshaltung auf, nach dem Motto: jetzt muss aber auch alles ganz toll sein. Und weil diese Erwartungshaltung nicht enttäuscht werden darf (wäre das ein Zeichen von "Schwäche"?), wird das Thema möglichst wenig erwähnt. Die meisten Leute scheuen sich nicht nur, es anderen gegenüber zuzugeben, sondern auch sich selbst gegenüber. Und vor allem denjenigen gegenüber, die die Sache immer schon für eine Schnapsidee gehalten haben.

Tatsache ist aber, dass Heimweh vorkommt. Immer wieder mal. Bei den meisten Leuten scheint es nach ein paar Wochen nachzulassen, aber es ist wohl auch Veranlagungssache. Ich hatte auf längeren Reisen selbst auch solche Attacken, und wenn ich mich so zurückerinnere, dann kann man ein paar immer wiederkehrende Muster erkennen. Ich versuche mal zu beschreiben, was ich in den entsprechenden Situationen getan habe oder versuchen würde zu tun.

  • Einsamkeit: Alleinreisende sind da offensichtlich mehr gefährdet als Paare. Eine typische Situation ist z.B. bei der Ankunft in einem neuen Land, am besten noch in einer Großstadt. Das einzige, was da hilft, ist: aktiv werden. Kleinere Touren buchen, Kurse machen, umziehen in ein Hostel mit einem guten Dachgartenrestaurant. Und dann gibt es da ja auch noch Telefon und Internet...
  • Krankheit: Wenn man sich mies fühlt, will man eine möglichst angenehme Umgebung haben. In solchen Situationen bin ich schon mal in ein besonders schönes Hotel gezogen. Money well spent. Ein Zimmer mit eigenem, sauberem Badezimmer; ein Zimmerservice, der einem mal einen Tee bringt; eine funktionierende Rezeption, die für ein Trinkgeld auch mal kleinere Erledigungen organisieren kann.
  • Allgemeine Abnutzung: manchmal kann das ständige Umziehen an die Substanz gehen. Was dann hilft ist, sich einen schönen, möglichst zentralen Ort mit einem schönen Hostel zu suchen, und von dort aus sternförmig Ausflüge zu machen, selbst wenn das bedeutet, mehr Zeit in Verkehrsmitteln zu verbringen. Man kann in der Basis den größten Teil des Gepäcks lassen, und selbst mehrtägige Ausflüge sind möglich: bei der Rückkehr bekommt man oft das beste Zimmer. Ich fand das Gefühl, an einen bekannten Ort (wo man oft auch bekannte Leute wieder trifft) zurückzukommen, um Welten angenehmer als die Ankunft in einer neuen Stadt. Ist zwar nicht ganz dasselbe wie nach Hause kommen, aber es hat schon etwas davon.
  • Übersättigung: normalerweise werden die Mühen des Reisens aufgewogen durch neue Eindrücke. Aber was ist, wenn die neuen Eindrücke einfach nicht mehr reichen? Dann muss man die Mühen reduzieren und einfach nur noch schöne Sachen machen. Falls das aus irgendeinem Grund nicht möglich ist, ist es ein klares Zeichen, an dieser Stelle die Reise abzukürzen, entweder indem man gleich zum nächsten Ziel weiter reist, oder sogar durch einen Abbruch. Oft hilft es aber, einfach nur Urlaub vom Urlaub zu machen und sich mal für eine Woche an den Strand zu legen.
  • Zu weit aus der eigenen Komfortzone: oft ist das, was der Engländer "to rough it" nennt, spannend und liefert Stoff für Erzählungen am Lagerfeuer. Aber manchmal ist es auch einfach nur nervig. Die Stresstoleranz ist bei jedem verschieden und ändert sich auch während der Reise (nach oben oder unten). Wer über längere Zeit genervt ist, sollte seinen Reisestil ändern, auch wenn das teurer ist und das Budget sprengt. Normalerweise wird dadurch die Reise kürzer, aber es ist immer noch besser als lange zu leiden oder sofort das Handtuch zu werfen.

Ein ganz allgemeiner Rat für alle, die lange unterwegs sind, ist: wissen was Dir gut tut, und es Dir regelmäßig verschaffen. Eine Reisebekanntschaft hat das mal sehr treffend mit dem Wort Psychohygiene bezeichnet. In sich hineinzuhorchen und sich im richtigen Moment einen positiven Kick zu geben, kann die Häufigkeit, Intensität und Dauer von Heimweh-Attacken entscheidend reduzieren. Ganz verhindern wird es sie nicht. Aber das muss man dann wohl aushalten. Mir hat die Reflektion darüber, warum ich Heimweh habe bzw. was mir gerade besonders fehlt, auch sehr geholfen, mir bewusst zu werden, was mir zu Hause wirklich wichtig war.

LG, Karoshi
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Matzepeng

« Antwort #2 am: 28. November 2008, 11:27 »
So, hab hier auch noch etwas Senf herumliegen.

Eine interessante Perspektive ist die des Erwartungsdrucks. Von allen Seiten hört man immer wieder "Ach, toll, dass ihr das macht" oder "Alles richtig gemacht, ich bin total neidisch" etc. Ja natürlich ist es schon ein großer Schritt "nur" davon zu träumen oder zu sprechen und es dann tatsächlich in die Tat umzusetzen mit allen Konsequenzen, die es mit sich bringt. Und dazu gehört eben auch evtl Heimweh. Der Mensch ist ein Gewöhnungstier, bequem in seinem sozialen Umfeld und seiner Umgebung.

Mit 21 bin ich ohne Sprachkenntnisse für 6 Monate nach Mexiko, in die große Stadt. Damals noch um mir selbst zu beweisen, dass ich es kann. Danach kam die Erkenntnis, dass es doch verdammt viel Spaß macht im Ausland Erfahrungen zu sammeln und dass es nicht darum geht irgendwas irgendwem beweisen zu müssen, sondern einfach die Erfahrungen zu machen. Ein paar Jahre später als es für 7 Monate nach Südafrika ging, war ich total entspannt, keine Aufregung oder Anspannung, sondern einfach die Überzeugung "Das wird geil.". Und das war die beste Zeit meines Lebens. Nun heißt es aber 12 Monate aus dem Rucksack leben, nie so wirklich irgendwo ankommen und sich ein neues soziales Umfeld aufzubauen, wie es eben in Mexiko oder in RSA der Fall war. Ich habe beschlossen, mich einfach darauf einzulassen, nicht zu viel zu planen (was ich im aktuellen Job den ganzen Tag tue) und einfach zu schauen, was passiert und dem Reiseführer nicht allzu hörig zu sein. Buchstaben sind geduldig. Wissen ist Vorurteil. Erfahrung ist unschätzbar!

Dann sinkt auch der Erwartungsdruck. Der Erwartungsdruck an einen selber und was man erhofft zu finden, obwohl man oft nicht genau was man eigentlich sucht. Erleuchtung? Ruhe? Konzentration? Rückbesinnung? Werte? Schlußendlich geht es nicht darum, anderen zu zeigen, dass man eine tolle Zeit hat, sondern selbst zu genießen und zu erleben was man hat. Und dazu gehören in gewisser Art und Weise auch die negativen Seiten, wie Krankheit oder Probleme ganz gleicher Art. Das sind im Nachhinein oft die besten Geschichten.  ;) Geburststag "feiern" in einem versifften Hotelzimmer in Bangkok und dabei vor sich her siechen, weil man sich den Tag zuvor eine fiese Magen-Darm-Grippe eingefangen hat. Mittags in einem laotischen Krankenhaus bei Stromausfall zu sitzen, weil einen Magenkrämpfe schütteln. Oder von einem Kräuterdoktor in Chiapas mit "magischen" Pflanzengewächsen geheilt zu werden. Nichstdestotrotz soll natürlich das Abenteuer nie über das leibliche Wohl und Wehe gestellt werden.

Psychohygiene heißt für mich auch, sich zu akklimatisieren, sich irgendwo es etwas heimisch zu machen. Ein Photo der Familie an die Wand zu hängen, Skype nutzen, um mit der Heimat zu sprechen. Mehrmals hintereinander zum gleichen Bäcker gehen, sich die heimischen Supermarktkassiererinnen (unschlagbar die Unfreundlichkeit oft erlebt v.a. in München) vorstellen. Vielleicht mal in einem ehrenamtlichen Projekt mitarbeiten, um sich auf das zu besinnen, was man eigentlich hat und wer man eigentlich ist. Oder einfach mal ein paar Tränen zulassen, um sich das Heimweh herauszuschwemmen.


Matzepeng
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Matzepeng

« Antwort #3 am: 28. November 2008, 11:32 »
Ach und gutes Karma sollte auch helfen. Deswegen bekommst du jetzt einen Karmapunkt von mir.  ;)
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Sacla

« Antwort #4 am: 06. Januar 2009, 00:41 »
Ich glaube dass Heimweh total dazugehört, und, vor allem, dass sich eine tolle Reise und Heimweh überhaupt nicht ausschließen.  Im Gegenteil.  Ich glaube auch wenn Leute sagen "Ich hatte die beste Zeit meines Lebens" oder "ich hab etwas mehr zu mir selbst gefunden", meinen die damit nicht, dass sie die ganze Zeit nur lachend über die Wiesen getollt sind, während Ihnen die Brathähnchen in den Mund geflogen sind.  Ich glaube Tiefen gehören dazu, sie helfen einem die Höhen zu schätzen und sich selbst besser kennen zu lernen.  "Der Weg zu sich selbst führt durch Einsamkeit" wie schon Buddha und andere weise alte Männer sagten.  Und solang man sich nicht die ganze Zeit nur einsam fühlt und traurig ist (dann sollte man vielleicht nach Hause fahren, man muss schließlich niemandem was beweisen), sondern das Heimweh nur ab und zu einkehrt, oder eben mal eine längere Zeit neben einem hocken bleibt, sollte man es positiv sehen.  Etwas oder jemanden zu haben, wonach man sich sehnt, ist doch eigentlich was Tolles.  Man schlägt ja quasi 2 Fliegen mit einer Klappe wenn man durch die Fremde gondelt, und sich aber auch ab und zu nach dem Zuhause sehnt:  man lernt daher nicht nur beeindruckende andere Kulturen kennen, sondern nebenbei lernt man auch zu schätzen, was man zu Hause hat.. das finde ich unbezahlbar.
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