Thema: Myanmar - ja oder nein?  (Gelesen 1722 mal)

csam6520

« am: 02. Januar 2020, 20:33 »
Hallo zusammen,

eine Reise nach Myanmar reizt mich schon lange. Bisher waren jedoch meine Gewissensbisse noch zu groß, um hinzureisen. Möchte ich wirklich viel Geld in einem Land lassen, das Menschenrechte mit Füßen tritt und Minderheiten verfolgt?

Mich interessiert eure Meinung / Erfahrungen zu diesem Thema (gerne natürlich auch von Reisenden in andere Länder mit fragwürdigen Regierungen...)

Bin gespannt!

VG
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dirtsA

« Antwort #1 am: 02. Januar 2020, 21:06 »
Meine Meinung: Ich war 2009 dort und den Menschen hilfst du mehr damit, hinzufahren, als weg zu bleiben. So verdienen sie nämlich zumindest ein bisschen Geld, sodass sie ihren Lebensstandard verbessern können. Myanmar ist mittlerweile ein touristisches Land. Dein Boykott würde also nichts helfen. So was kann nur auf höherer Ebene passieren, zB durch Sanktionen und dergleichen. Damals hat sich jeder einzelne bei uns bedankt, dass wir das Land nicht vergessen haben und auf Besuch sind (gut, das war noch eine ganz andere Situation - haben in 2 Wochen 10 andere Reisende getroffen - aber trotzdem).

Leider müsstest du sehr viele Länder vermeiden, wenn du so denkst. Traurig, aber wahr. Selbst in die USA könntest du dann nicht, wenn man an Guantanamo & Co denkt.

Schau halt, dass du so viel Geld wie nur möglich nicht bei der Regierung lässt (Eintritte, staatliche Transportunternehmen), sondern so viel wie möglich bei den Menschen selbst ankommt.

Myanmar ist ein richtig tolles Land und absolut einen Besuch wert!
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serenity

« Antwort #2 am: 03. Januar 2020, 22:39 »
in den letzten ca. 15 Jahren war ich insgesamt 8 Mal in Myanmar, anfangs noch zu Zeiten der Militärdiktatur. Für die Menschen dort war es damals ein Lichtblick, wenn westliche Touristen kamen und sie etwas über den Rest der Welt erfahren haben. Und auch, wenn die Besucher in das bitterarme Land ein paar Devisen brachten.

Es war damals und ist es auch heute NICHT das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, sondern es ist die Regierung - nach wie vor überwiegend Militärs, auch wenn sich das (ganz) langsam ändert. Die Menschen dort wollen etwas ganz anderes, nämlich in Frieden leben und einen kleinen Wohlstand.

Leider hat die Bevölkerung da wenig Mitspracherechte, auch wenn es mittlerweile so was wie Wahlen gibt.  Und genau die Besucher aus dem Westen und auch die anhaltenden Proteste können dort etwas bewirken - einfach nur wegbleiben änder gar nichts.

Mal ganz davon abgesehen - Myanmar ist "Ein Land wie kein anderes ..." (R. Kipling) - vor allem der noch sehr untouristische Süden ist traumhaft schön! Dort läßt du auch nicht viel Geld, sondern eher wenig, denn Unterkünfte und Verpflegung sind sehr günstig, auch mit dem Bus kommt man billig von A nach B.

Ich hätte übrigens sehr viel größere Vorbehalte gegen die USA - denn dort steht ja ein Großteil der Bevölkerung fest hinter der Regierung - das ist in Myanmar ganz anders. Und was Menschenrechtsverletzungen angeht - da wirst du ja sogar in Europa problemlos fündig!

Falls du Eindrücke sammeln möchtest - hier die Reiseberichte der letzten beiden Reisen - Myanmar 2019 und Myanmar 2017

Ende Februar geht's für mich übrigens zum 9. Mal nach Myanmar!
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csam6520

« Antwort #3 am: 04. Januar 2020, 11:00 »
Ich danke euch beiden vielmals für eure Antworten! Zugegeben, bisher habe ich soweit noch gar nicht gedacht. Vielmehr gab es für mich einfach nur eine lange Liste an Ländern, deren Regierung ich auf keinen Fall "mitfinanzieren" möchte durch eine Reise (auch die USA steht zurzeit auf der "Nicht-hinfahren-Liste"). Natürlich kann man diese Diskussion ins Unendliche fortführen bis hin zum Kauf von Proukten aus gewissen Ländern etc.... Aber es ist ja hier schließlich ein Reise-Forum...

Daher nochmals vielen Dank für eure Meinung hierzu. Weitere Meinungen natürlich willkommen :)
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gismarett

« Antwort #4 am: 05. Januar 2020, 04:58 »
Ich kann dir Myanmar auch nur empfehlen, da es ein wirklich traumhaftes Land ist. Man kann es nicht mit den typischen Touristenländern wie Thailand oder Vietnam vergleichen, da es trotz zunehmendem Tourismus immernoch sehr ursprünglich ist (oder zumindest habe ich dies so wahrgenommen).

Ich bin 2017 zufällig nach Mayanmar geflogen, da ich aus Vietnam ausreisen musste, das Wetter in den Philippinen zu dem Zeitpunkt sehr schlecht war und der Flug relativ günstig war. Eigentlich Stand dieses Land garnicht auf meiner Liste aber den Umständen geschuldet bin ich dann dort hingereist. Meine Mutter hat mich dann darauf hingewiesen, dass es zu dem Zeitpunkt sehr viele Berichte im deutschen Fernsehen zu den politische Handlungen - Abschiebung/Ausweisung von durch die Regierung eingestufte Flüchtlinge - gäbe. Da war ich aber glücklicherweise schon am Flughafen in Myanmar und konnte es mir nichtmehr anders überlegen.

Ich bin sogar ein Stück Richtung Krisengebiet gereist. Die Einheimischen waren total froh das überhaupt ein Tourist da hin wollte, alle Busunternehmen haben mir vorher abgeraten da hinzufahren und am Ende hat Myanmar es auch wegen dieser Erfahrung in meine Top 3 Länder in SOA geschafft!

Die meisten Touris (mich eingeschlossen) reisen in Myanmar die typsichen Routen, da der Rest touristisch noch nicht ganz so gut erschlossen ist. Das heißt aber nicht das man nicht auch abseits der typischen Pfade reisen kann. Ich habe das leider nur kurzfristig getan als ich in den Nord-Westen des Landes gereist bin. Der Süden des Landes würde mich Rückblickend mit am meisten reizen. Aber dennoch würde ich insebsondere Bagan (oder den Inle Lake, etc.) nicht auslassen wollen.

Preislich ist Myanmar nicht das günstigste aber auch nicht das Teuerste Land in SOA. Aus meiner Perspektive sind die Preise für die meisten Dinge mehr als Fair! Nur mit dem Tauchen hatte ich leider kein Glück. Die Preise waren mit 80$ für einen Tauchgang viel zu hoch, die Tauchbasis welche ich gefunden habe war auch eher improvisiert, weshalb ich es dann nicht gemacht habe. Kulturell und bezüglich der Natur habe ich mich wirklich sehr wohl gefühlt, die beiden Metropolen des Landes mal ausgenommen. Aber stelle dich darauf an, dass du nach Myanmar erstmal von Tempeln geheilt sein wirst. Seit Bagan beeindrucken mich nurnoch wenige Tempel, was auf der einen Seite wieder für diese Stadt und das Land spricht aber auf der anderen Seite auch Schade ist.
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beretravels

« Antwort #5 am: 05. Januar 2020, 14:31 »
Mingalabar!
Ich kann mich den Vorrednern auch anschließen.  War 2018 im Rahmen einer Weltreise ca einen Monat in Myanmar und hatte vorher auch Vorbehalte. Bei Interesse kannst du auf meinem Blog nachlesen, was am Beispiel der Eintrittspreise in welche Tasche bzw Topf geht (https://beretravels.wordpress.com/2018/04/08/world-trip-bagan-myanmar/). Abgesehen von Visakosten und Eintrittspreisen ist aber kaum  Geld in offizielle Kassen geflossen. Einfach etwas die Augen bei der Unterkunftswahl und wahl der Busunternehmen aufhalten und man ist wahrscheinlich auf der richtigen Seite und hilft der Bevölkerung. Das autokratische Regime ist zweifelsohne eiskalt und furchtbar. Dennoch kann man sich im Land frei bewegen und selbst wählen, wem man Geld für Waren / Leistungen gibt. Nicht wie zb in Nordkorea, wo man keine Wahl hat und alles in den Staat fließt.

Wie fanden den Süden auch am Schönsten und haben uns etwas geärgert, dass wir dort zuletzt waren und das Visum auslief. Aber in Rangoon und Mandalay sowie den größten Sehenswürdigkeiten sind viele Touristen unterwegs. Mir persönlich hat der Nordosten nicht so sehr gefallen wie der Süden, abgesehen von der Fahrt über diese verrückte 100 Jahre alte und sehr hohe Eisenbahnbrücke.

Bzgl deiner Eingangsfrage verhält es sich in Myanmar wie in vielen autokratischen Staaten, wie zb Russland, Belarus, Türkei, Iran, Philippinen, Kambodscha, Laos, China usw. Die Regierungen zwacken sich ihren Teil über Steuern oder Visagebühren ab, aber sobald man sich im Land frei bewegt, kann man selbst entscheiden an wen man sein Geld weitergibt.
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Marla

« Antwort #6 am: 07. Januar 2020, 22:56 »
Zugegeben, bisher habe ich soweit noch gar nicht gedacht. Vielmehr gab es für mich einfach nur eine lange Liste an Ländern, deren Regierung ich auf keinen Fall "mitfinanzieren" möchte durch eine Reise (auch die USA steht zurzeit auf der "Nicht-hinfahren-Liste").
Ich hab früher ähnlich gedacht und hatte auch so eine Boykottierliste. Bis ich mich mit der Thematik mehr befasst habe, vor allem aber auch mehr gereist bin. Ich kann mich den Vorrednern nur anschließen. Du boykottierst bis auf wenige Ausnahmen wie das bereits genannte Nordkorea (was für mich auf gar keinen Fall in Frage käme) überwiegend nicht die Regierungen, sondern die Bevölkerung. Selbst wenn die zum Teil verantwortlich ist für ihr Regierung, was häufig nicht der Fall ist, nicht wie bei uns, gibt es ja auch immer noch andere, die die Regierung nicht unterstützen/gewählt haben.

Was würde passieren, wenn keiner mehr hinfahren würde? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwas bringen würde außer weiterer Abschottung und ggfs. Radikalisierung. Wenn das jemand anders sieht und begründen kann, wäre ich sehr interessiert.

Übrigens bin ich ansonsten sehr für den Boykott bestimmter Firmen, also derer Produkte. Wenn das alle machen würden, waren die Unternehmen gezwungen, die Firmenpolitik zu ändern oder würden pleite gehen. Nur bei Regierungen funktioniert das m.E. nicht.
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csam6520

« Antwort #7 am: 09. Januar 2020, 15:43 »
Klasse, ich danke euch nochmal allen recht herzlich für eure Kommentare. Besonders für den Link zum Blogbeitrag, den werde ich auf jeden Fall gründlichst lesen, bevor es für mich dann endgültig nach Myanmar geht! :) 
Ich freue mich sehr dass ihr mir weiterhelfen konntet.

VG
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