Thema: Nordatlantik - Orkney, Shetland, Färöer  (Gelesen 136 mal)

Kaamos

« am: 27. August 2025, 22:06 »
Ich war mal wieder unterwegs. In für mich eher ungewohnten Ecken. Mal so gar nicht heiß und staubig.  ;D
Und natürlich wie gewohnt mit vielen Bildern!

Viel Spaß beim Anschauen.

Reisezeit: 2 Wochen, Anfang August. (Leider etwas zu spät, um Puffins zu beobachten)
Transport: viel Flug, ein bisschen Mietwagen und etwas Fähre und Eisenbahn. (den kürzesten Linienflug der Welt habe ich aus Zeitgünden leider nicht mit einbauen können)
Buchung: unkompliziert über Booking
Bezahlen: zu 95% bargeldlos
Wetter: verglichen mit Dtl. kühl, aber unerwartet schön (selbst auf den Färöern)

Kaamos

« Antwort #1 am: 27. August 2025, 22:22 »
Donnerstag, 07.08.2025

Bitte Rucksack packen und Roller schnappen, damit wir uns den ersten Marsch zur Bushaltestelle sparen können. Es ist schon praktisch, dass es die Roller mittlerweile bis zu uns ins Viertel geschafft haben. Das frühmorgendliche Gepäck Schleppen im Dauerlauf war immer ätzend. Man will ja nicht zu zeitig aufstehen, aber auch nicht zu spät an der Bushaltestelle stehen.
Mit Eurowings geht es von Berlin nach Newcastle. Alles pünktlich, was will man mehr. Das Gepäck lade ich nur schnell im Hotel ab, einem alten Kaufhaus aus den 1930er Jahren. Ein bisschen was vom Art Deco ist noch erhalten.



Newcastle und Tynemouth



Da halte ich mich allerdings nicht lange auf und stehe schon wieder am Bahnsteig. Hier muss man echt aufpassen, nicht in den falschen Zug zu steigen, es gibt zu viele verschiedene Bahngesellschaften bei den Briten. Bei mir lief aber alles gut und schon stehe ich in Durham. Hübsches kleines Städtchen.



Durham, 20km südlich von Newcastle. Die Stadt ist knapp 1000 Jahre alt und wurde von vor Wikingern fliehenden Mönchen aus Lindisfarne gegründet

Durham ist Weltkulturerbe. Die Briten sagen sogar, die Kathedrale ist das schönste Bauwerk ihrer Insel. Zumindest ist sie das größte und perfekteste Monument normannischer Architektur in England. Die runden Pfeiler im Langhaus sind gewaltig. Ebenso wie der Blick, den man vom Vierungsturm aus hat. Den musste ich mir aber mit 325 Stufen schwer erarbeiten.
Man hat von oben auch einen schönen Blick auf Durham Castle mit seinem mittelalterlichen Wohnturm.

Im Chor der Kathedrale befindet sich das Grab des hlg. Cuthbert. Der Bischof von Lindisfarne soll während seiner Lebzeiten im 7. Jh., aber auch noch danach etliche Wunder bewirkt haben, was ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der anglikanischen Kirche macht.
Ihm wird auch nachgesagt, eines der ersten Naturschutzgesetze der Geschichte gestiftet zu haben, da er den Mönchen Regeln auferlegte, wie sie mit Enten umzugehen hätten. Die nennt man jetzt teilweise noch St.-Cuthberts-Enten.
Als die Wikinger in England einfielen und Lindisfarne zerstört wurde, musste Cuthbert umziehen. Seine Gebeine wurden ein paar Jahre lang Mal hierhin, Mal dahin transportiert und schließlich in Durham wieder beigesetzt. Während der Reformation wurde sein Schrein zerstört, das Grab gibt es aber immer noch.

Und zu guter Letzt noch was ganz triviales: auch Harry Potter wurde hier gedreht.

 




Den Nachmittag verbringe ich noch im sonnigen Newcastle. Die Stadt hat hübsche Ecken. Eigentlich erstaunt das fast, wenn ich mir anschaue, wie wenig Geschmack die Briten bei der Mode an den Tag legen. Was mir allerdings auch auffällt, sind die vielen Bettler und Obdachlose, das fand ich erschreckend.



Über den Fluss Tyne gehen einige große Brücken. Das sieht recht malerisch aus. Dass dann die Eisenbahn gleich mal 2m neben der alten Burg von Newcastle (pun intended) vorbei rattert, nimmt man einfach mit in Kauf.
Ganz in der Nähe werde ich fast von einer schwarzen Gestalt angesprungen: dem Vampirhasen von Newcastle. Der soll wohl früher erschienen sein, um Grabräuber neben der Kathedrale zu verscheuchen. Sachen gibts...



Zum Abendessen gibt's karibisch... Man, ist das scharf... und viel. Da darfs dann noch ein Verdauungsspaziergang sein. Noch einmal über die Brücken, diesmal mit Ausblick auf die Millennium Bridge. Das besondere: die Kippbrücke lässt sich um die Längsachse rotieren. Gerade will kein großer Kahn durch, aber auch beleuchtet macht sie was her.



Die Millennium Bridge ist jene, direkt unterm Abendessen


Freitag, 08.08.2025

Das Frühstück ist very british, mit Bohnen, Rührei und Schinken. Das gibt eine gute Grundlage für den Tag. Ein bisschen Zeit bleibt mir in Newcastle noch. Meine Runde starte ich im Grainger Market. Was denn, ein Basar? Naja, ganz Orient ist es nicht. Der Grainger Market war lange Zeit der Fleischmarkt von Newcastle. Mittlerweile (seit fast 200 Jahren) ist er überdacht und hat sich zu einer Markthalle für alle möglichen Lebensmittel entwickelt. Gleich daneben gibt es eine wunderschöne Passage, die Central Arcade.



Es war aber gut, dass ich schon gestern alles abgelaufen bin, heute fehlt ein bisschen die Sonne. Dafür hat heute die Kathedrale geöffnet. Bei den Kirchengebäuden fallen mir hier in der Gegend die für mich ungewöhnlichen Proportionen auf: relativ flach und langgezogen. Da wirkt der Turm dann unpassend dran. In Newcastle hatte er allerdings eine wichtige Funktion. Die Laterne wurde hier ihrem Namen gerecht, denn früher hat man im Strebwerk ein Feuer entzündet, um den Schiffen den Weg in den Tyne zu weisen.




Mit dem Doppelstockbus geht's jetzt ein Stück aus Newcastle raus. Hier finde ich den Engel des Nordens, der an die industrielle Vergangenheit Englands erinnern soll.
Hier ist ganz schön was los, damit habe ich nicht gerechnet. Wahrscheinlich liegt es auch an dem inoffiziellen Friedwald neben dem Engel. Bestattet ist hier zwar wohl keiner, aber mit der Zeit sind viele Gedenkstätten errichtet worden.



Bus zurück und in die S-Bahn umgestiegen: jetzt geht es an die Küste, nach Tynemouth. Briten sind hartgesotten. Es ist zwar jetzt kein schlechtes Wetter, aber auch nicht so, dass ich unbedingt ins Wasser wollen würde. Das stört hier wenige, es herrscht reges Strandtreiben.
Aber ich bin nicht wegen der Wellen hier, sondern natürlich wegen alter Steine. Direkt an den Klippen erhebt sich die Ruine der Abtei von Tynemouth. Im Mittelalter war sie einst recht bedeutend, und Grablege zweier Könige von Northumbria, sowie der schottischen Königs Malcolm III., dessen Vater übrigens von Macbeth ermordet wurde.
Seitdem haben Mal wieder dänische Wikinger gewütet und die Reformation hat ihr Übriges zum Verfall beigetragen.



Jetzt aber schnell zurück nach Newcastle, ich habe einen Zug zu bekommen. Crosscountry? LNER? Whatever... Tja, was hab ich gesagt? Verwirrendes Zugsystem. Jetzt sitz ich in der falschen Bahn. Gleiches Gleis, gleiches Ziel, gleiche Route, 15 Minuten eher - aber falscher Anbieter.
Vielleicht hab ich Glück und es wird nicht kontrolliert, bis die nächste Haltestelle kommt.
Aber da man ohnehin nur mit Ticket auf den Bahnsteig kommt, stehen die Chancen gut.

In Berwick-upon-Tweed klappt der Zugwechsel und so geht die Fahrt ohne Probleme weiter nach Norden, vorbei an Edinburgh, mit einem wunderbaren Sonnenuntergang am Firth of Tay. Die Brücke hat zum Glück gehalten 😁

Zitat
Fontane: Die Brück’ am Tay
(28. Dezember 1879)
When shall we three meet again?
Macbeth

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm,«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.
»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«
»Und ich die Qual.«

»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«
Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,

Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin »Ich komme« spricht,
»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.«
Und der Brückner jetzt: »Ich seh’ einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.

Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, —
Und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.
Und unser Stolz ist unsre Brück’;
Ich lache, denk’ ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab’ ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm,«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«

»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«
»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«

Was weniger schön war, ist die Verspätung, die die Bahn mittlerweile hat. Meinen Anschlussbus in Aberdeen habe ich knapp verpasst. Ich hab ihn noch um die Ecke fahren gesehen. Immerhin gibt's für die Verspätung gleich eine Entschädigung. Bei der DB hätte ich sicher erst betteln müssen. Und während ich noch auf den nächsten Bus warte, ist das Geld sogar schon da, die Hälfte des Fahrpreises.
Das Hotel ist diesmal direkt am Flughafen. Und Foodporn gibts auch nicht, da ich heute ausnahmsweise nur Sandwiches habe.


Kaamos

« Antwort #2 am: 27. August 2025, 22:27 »
Samstag, 09.08.2025



Das Hotel hatte ich mit Bedacht gewählt. Nach der späten Ankunft etwas länger ausschlafen zu können, noch genug Zeit für ein Frühstück zu haben und dann gemütlich zum Flughafen laufen zu können, ist schon ganz angenehm. Und da Aberdeen vergleichsweise klein ist, wird nachts auch nicht geflogen, sodass es angenehm ruhig war.



Mit einer kleinen Maschine der schottischen Regionalfluggesellschaft Loganair geht es mit Rückenwind nach Norden. Ziel: Orkney.

Da vielleicht höchstens 15 Personen an Bord waren, ist das Gepäck auch echt schnell da. Jetzt noch fix das Auto und dann geht es los... Achtung: links!







ABZ-KOI. Ein 45-Minuten-Flug mit schönen Ausblicken



Ganz so eitel Sonnenschein ist allerdings nicht mehr. In einer halben Stunde ändert sich 37 Mal das Wetter... Regen, Wolken, Sonne... Wind ist aber die ganze Zeit dabei.

Ganz im Osten von Mainland, der Hauptinsel der Orkneys, gehe ich zum Gloup. Das altnordische 'Gluppa' bedeutet Abgrund - und an dem stehe ich jetzt auch. Eine Meereshöhle ist hier 120m hinter der Küste eingestürzt.

In den Klippen sehe ich auch schon die ersten Nistplätze - nur noch keine Puffins.









Der Regen ist doch noch einmal abgezogen, also gehe ich noch ein wenig an den Klippen entlang. Der Fels bildet hier spannende Formationen.

Der Brough of Deerness ist eine kleine Gezeiteninsel, die über einen abenteuerlichen Kettenpfad erreicht werden kann. Früher haben hier schon die Pikten und die Wikinger gesiedelt. Davon sieht man allerdings nicht mehr viel. Nur noch die Mauern einer kleinen Kapelle stehen. Ausgerechnet dieses Gemäuer ist aber wohl das früheste Zeugnis für das Christentum in der Wikingerzeit im Nordatlantik, wie Münzfunde aus der Zeit um 960 belegen.








Ein Stückchen weiter südlich erreiche ich nun das Inselchen Lamb Holm, auf dem sich Im Zweiten Weltkrieg ein italienisches Kriegsgefangenenlager befand. Die Italiener durften sich 1942 eine eigene Kapelle bauen, die wunderbar ausgemalt wurde. Allerdings war dies eher Freizeitbeschäftigung, denn eigentlich sollten sie die Churchill Barriers errichten.



Die Bucht südlich von Orkney Mailand ist Scapa Flow. Wegen ihrer geschützten Lage wurde sie schon lange als Naturhafen genutzt, erst von den Wikingern und später von den Briten.

Nach dem ersten Weltkrieg hat sich die hier internierte Kaiserliche Hochseeflotte selbstversenkt. 74 Schiffe sind untergegangen.



Im zweiten Weltkrieg ist 1939 das deutsche U-Boot U47 in den Scapa Flow eingedrungen und hat das Schlachtschiff HMS Royal Oak versenkt. Daraufhin ließ Churchill die östlichen Ausfahrten aus der Bucht mit Dämmen versperren, den Churchill Barriers.



Ein paar Wracks schauen noch immer über die Wellenkämme.







The Italian Chapel on Lamb Holm







Churchill Barriers, Scapa Flow und einige Blockschiffe. Schiffe, die zum Blockieren der Fahrrinne versenkt wurden



Mittlerweile wird es sogar richtig schön. Der Wind pfeift zwar immer noch, aber in der Sonne wird es beinahe warm.

In Kirkwall, der Hauptstadt der Orkneys, besuche ich den Earl's Palace. Im 16. Jh. hat Robert Stewart, ein illegitimer Sohn des schottischen Königs die Herrschaft über die Orkneys erhalten. Dessen Sohn, Patrick Stewart wiederum wollte gern standesgemäß residieren und hat sich eines der bedeutendsten Renaissancebauwerke Schottlands errichten lassen. Ganz fertig wurde der Palast jedoch nicht. Der mittlerweile als Black Pattie geschmähte Herrscher wurde als Tyrann hingerichtet und man brauchte keinen Palast mehr.

Auch vom benachbarten Bishop's Palace stehen nur noch Ruinen.




Gleich neben des Bischofs ruinierter Residenz befindet sich die St. Magnus Kathedrale. Früher waren mal die Norweger hier. Als die Kathedrale von Kirkwall 1137 gestiftet wurde, gehörte sie noch zur Erzdiözese Trondheim. Erst im 15. Jh. wurden die Inseln schottisch.

In der Kathedrale, die auch das Licht des Nordens genannte wird, gibt es ziemlich viele tolle Grabsteine.



Magnus war Jarl von Orkney. Der Titel des Jarl entspricht in etwa einem Earl, bzw. Grafen. Er war Onkel des Kirchenstifters und ist der Nationalheilige der Orkneys, der besonders für seines Friedenswillen verehrt wird.




Ich bleibe aber nicht in Kirkwall. Meine Unterkunft habe ich im Westen von Mainland gefunden, in Stromness.

Hier wohnt Sylvia.

Sylvia hat ein Haus mit viel zu vielen Zimmern.

Also macht Sylvia kurzerhand ein Hostel auf.

Kleines Zimmer, shared bathroom, aber es ist günstig...



Stromness wird auch die "graue Stadt am Meer" genannt. Das glaube ich aufs Wort, insbesondere bei dem Wetter. Es beginnt schon wieder zu regnen.

Der Pub ist leider schon voll. Da muss ich fürs Abendessen wohl woanders hin fahren...




Aber was ist das? Habe ich mich etwa verfahren? Ach nee, es gibt doch keine Pelmeni, sondern Paté, Pie und Panna Cotta.






Ich bin schon relativ weit im Norden, also ist es noch ziemlich hell um die Zeit. Da zieht es mich noch nicht ins Bett, sondern eher noch einmal den Hügel hoch. Die Orkneys haben ein reiches prähistorisches Erbe. Es gibt etliche Hügelgräber wie das Cuween Hill Cairn, das in einer wunderbaren Heidelandschaft am Hang liegt.

Man kann rein - kriechend und im Finstern.



Kaamos

« Antwort #3 am: 27. August 2025, 22:32 »
Sonntag, 10.08.2025

Viele, viele alte Steine - das wird's heute werden. Ich hatte vor der Planung überhaupt nicht auf dem Schirm, dass es hier so ein reiches neolithisches Erbe gibt.
Bei Stennes schiebt sich eine schmale Landbrücke zwischen zwei Lochs. Die war schon früh kultisch erschlossen. Den Anfang mache ich bei den Stones of Stennes, einem der frühesten Steinkreise Britanniens, etwa 5.100 Jahre alt. Vier von zwölf Steinen stehen noch und ragen knapp 6m aus dem Boden. Die Steine waren auch bis in unsere heutige Zeit von mehr oder weniger kultischer Bedeutung. Es gab einen mit Loch, durch den frischvermählte sich die Hand reichen sollten. Und als ein Bauer im 19. Jh. die Steine von seinem Land beseitigen wollte (u.a. eben jenen Lochstein), wäre er von der aufgebrachten Bevölkerung fast gelyncht worden.

Etwa 400 Jahre jünger ist der ganz in der Nähe befindliche Ring of Brodgar. Hier stehen noch mehr Steine und die ganze Anlage ist von wunderbar blühender Heide umgeben. Auch einige Cairns gibt es, aber man kann nicht rein.



oben links: Stennes, der Rest ist Brodgar




Die Steinkreise sind ja relativ abstrakte, religiöse Bauwerke. Jetzt wird es bodenständiger: Skara Brae - ein Highlight auf den Orkneys, bzw. das Pompeii Schottlands. Vor 200 Jahren wurde beim Pflügen die am besten erhaltene jungsteinzeitliche Siedlung Europas entdeckt. Das kleine Dorf besteht aus mehreren Gebäuden, die von bis zu 100 Menschen bewohnt wurden.
Mich wundert ein wenig, dass man sich den relativ ungeschützten Strand als Siedlungsort rausgesucht hat, es ist sehr ungemütlich und windig. Aber wahrscheinlich waren die flach im Erdreich liegenden Häuser gut isoliert.
Wie es in so einem Haus aussah, sieht man sehr schön an einem Nachbau.

Gleich daneben befindet sich Skaill House. Es ist seit dem 17. Jh in Familienbesitz und diente nach der Entdeckung Skara Braes als erstes Museum. Auch die Queen Mum war schon hier zu Gast. Wer hier nicht logiert hat, war James Cook. Der starb leider schon vorher auf Hawaii, bevor er hier einkehren konnte, als sein Schiff 1780 die Orkneys erreichte. Allerdings ist das Porzellanservice ausgestellt, dass er bei seiner Weltumsegelung dabei hatte.




Den Geschichtsunterricht unterbreche ich jetzt erst einmal für ein bisschen Natur. Die Klippen von Yesnaby sind vielleicht nicht die höchsten, die ich gesehen habe, aber sie sind definitiv beeindruckend. Ich könnte ewig hier stehen und den Urgewalten des Wassers zuschauen, wie die Brandung gegen die Sandsteinklippen schlägt, der Schaum emporgewirbelt wird. Das Meer hat hier so eine tolle Farbe.






Einen Termin habe ich noch. Nachdem in Irland der Eintritt ins Hügelgrab von Newgrange 2022 schief gegangen ist, hole ich das jetzt hier auf den Orkneys nach. In das Grab von Maeshowe kommt man nur mit Führung. Und Bilder drinnen durfte man leider nicht machen. Aber es war ähnlich wie gestern Abend der Cairn, nur deutlich größer. Das besondere hier sind aber die Runeninschriften, die man gefunden hat. Es ist die größte Ansammlung von Runeninschriften überhaupt. Allerdings ist ihr Inhalt aber wohl eher profaner Natur: "Jarl hat diese Runen geschnitzt", "Ingigerth ist die schönste aller Frauen.” usw.
Sehr schön war auch eine senkrecht angebrachte Inschrift. Die war zumindest so lang senkrecht, wie der Arm des Ritzers reichte, oben ist sie abgeknickt, wie in einem Schulheft, bei dem die Zeile kürzer ist als der Satz.



Nicht nur in Kirkwall gibt es einen Earl's Palace. In Birsay hatte sich der Vater des in Kirkwall berüchtigten Earls schon einen Palast errichten lassen. Aber auch von dem sind nicht mehr so viele Steine erhalten. Kurzer Spaziergang - gleich geht's weiter...



... nämlich zum Brough of Birsay. Den Besuch musste ich gut timen. Die Gezeiteninsel ist nämlich nur bei Ebbe zugänglich.
Hier gibt es eine Siedlung der Pikten, eine Kirche und eine Wikingersiedlung. Natürlich alles nur noch als Ruine.
Auch Thorfinn der Mächtige soll hier seine Residenz gehabt haben. Er war der Großvater vom Nationalheiligen Magnus, hat im 11. Jh. Orkney regiert, an der Seite von Macbeth gekämpft und herrschte nach den Worten des isländischen Skalden Arnor Jarleskalds von „Tussaskjær (auf Shetland) bis Dublin“ (Königreich der Inseln).
Es gibt auch wieder einige brütende Vögel.



Und was mache ich jetzt zum Abendessen? Endlich mal typisch britisches Fast Food: Fish and Chips in Kirkwall.


Kaamos

« Antwort #4 am: 27. August 2025, 22:35 »
Montag, 11.08.2025

Tja, die Fähre hätte ich mal vorbuchen sollen. Kein Plätzchen mehr frei fürs Auto. Mit Cairns und Knowes auf Rousay wird's wohl nichts. Alternativprogramm: auf nach Hoy!
Statt Frühgeschichte geht's jetzt eben ins 20. Jh. In Lyness lerne ich mehr über Scapa Flow. Im Visitor Center gibt's sowohl Informationen zur Ölförderung auf den Orkneys, wie auch zur Militärgeschichte. Dazu habe ich ja bei den Churchill Barriers schon ein paar Worte verloren.




Die Orkney Inseln waren schon lange von strategischer Bedeutung. Umso mehr, als Napoleon die Kontinentalsperre gegen Großbritannien errichtete. Die Briten bauten daraufhin die Verteidigung der Insel aus und errichteten mehrere sogenannte Martello-Türme. Die besonders stabilen Bauwerke sollten auch Kanonenbeschuss standhalten und waren stabil genug, um ihrerseits ebenso schwere Artillerie zu tragen.
Das Prinzip kopierten die Briten von spanischen Türmen auf Menorca, von deren Stabilität sie beeindruckt waren.
Für nähere Besichtigung reicht die Zeit leider nicht, denn die nächste Fähre zurück zum Mainland wartet.



Eigentlich hätte ich für Hoy etwas mehr Zeit gebraucht. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich die Insel ursprünglich gar nicht geplant hatte, begnüge ich mich mit dem Schnuppern.
Was ich nicht gesehen habe, sind die zweithöchsten Klippen Britanniens, das nördlichste neolithische Felsengrab Europas und der Old Man of Hoy, eine 140m hohe Felsennadel.
Zwar ist es heute ein wunderbar sonniger Tag, aber die Überfahrt ist relativ stürmisch. Hilft nix, ich will an Deck und nicht im Auto sitzen.
Die ganzen Berge blühen. Leider kommt die Farbe aus der Ferne nicht so schön rüber.



Zum Glück ist Mainland nicht so groß, da ist es nicht so schlimm, wenn man immer wieder kreuz und quer fährt. Jetzt bin ich also wieder im Norden, wo mich die Fähre heute Vormittag abgewiesen hat - und doch wieder bei alten Steinen.
Ein Broch ist ein eisenzeitlicher Turmbau und der Broch von Gurness ist einer der größten seiner Art. Er stammt wohl aus dem ersten oder zweiten vorchristlichen Jahrhundert und wurde als Siedlungsplatz mehrfach recycelt. Nach den ursprünglichen Erbauern kamen die Pikten (mit denen muss ich mich unbedingt Mal näher beschäftigen) und schließlich wieder einmal die Wikinger.
Im Gegensatz zu Skara Brae kann man hier durch die - zugegebenermaßen nicht ganz so gut erhaltenen - Häuser laufen. Es ist schon eine idyllische Lage.



Sehenswürdigkeiten sind hier mit braunen Schildern ganz gut ausgewiesen. Und einen Audioguide, der alles wichtige auf den Orkneys abgedeckt gibt es auch.
Da biege ich doch gleich einmal ab, lass mich von neugierigen Kühen bestaunen und schaue mir die Dounby Click Mill an. Das besondere ist, dass sie ein horizontales Wasserrad hat.
Auch der Mechanismus aus dem 19. Jh. ist noch erhalten. Von ihm kommt auch der Name Click Mill. Bei der Drehung des Rades öffnen hölzerne Noppen regelmäßig eine Luke, durch die neues Getreide auf den Mühlstein fällt, was das typische Geräusch erzeugt. Deswegen singt man also auch: Es klappert die Mühle am rauschenden Bach ...



Jetzt wieder 15 Meilen nach Süden fahren... wie gesagt: kreuz und quer.
Orphir ist nicht nur Geburtsort des Arktisforschers John Rae, der die Nordwestpassage entdeckt hat, sondern war schon seit Jahrhunderten ein bedeutender Ort. Hier stand einmal die einzige mittelalterliche Rundkirche Schottlands, die zudem von der Grabeskirche in Jerusalem inspiriert sein soll. Heute sieht man nur noch die Apsis.
Nebenan stolpere ich fast über die Grundmauern des Earl's Bu, einer Trinkhalle, die das kulturelle und politische Zentrum der Wikingerherrschaft war. Die Orte (ebenso wie andere, etwa der Brough of Birsay) werden auch in der Orkneyinga Saga erwähnt, der Geschichte der ersten norwegischen Jarle von Orkney. Die Mischung aus Legende, Geschichte und Mythos ist noch heute identitätsstiftend für die Orcadians.



Gestern Abend habe ich in der Bucht von Scapa Fisch and Chips gegessen, heute schaue ich noch einmal in der Gedenkstätte vorbei.
Die Royal Oak war ein Schlachtschiff aus dem ersten Weltkrieg. Am 14. Oktober 1939 wurde es vom deutschen U-Boote U47 unter Günther Prien torpediert und versenkt. Auch wenn das Schiff mittlerweile veraltet war, war es ein schwerer Schlag für die britische Marine, insbesondere, da 833 der 1.234 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen.



Jetzt geht es noch einmal unter die Erde. Auf den Orkneys gibt es einige Earth Houses, bzw. Souterrains. Ihr Zweck ist nicht ganz geklärt, war aber wahrscheinlich kultisch. Auf einem Bauernhof in Rennibister befindet sich eines der am besten erhaltenen Earth Houses. Über eine Leiter steige ich hinab und krieche ein Stück einen Gang entlang, bis es nicht mehr weitergeht.
Das Bauwerk stammt aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend.



Abendessen! Vorgestern war voll, heute hab ich mir einen Tisch reserviert. Das Ferry Inn serviert ausgesprochen guten Fisch! (Und Whiskey)

- Orkney crab and smoked fish paprika tart
- Baked hake fillet, spring onion mash, watercress, garlic herb cream sauce
- Rich chocolate terrine whisky jelly, berry coulis


Kaamos

« Antwort #5 am: 27. August 2025, 22:40 »
Dienstag, 12.08.2025

Da hab ich doch glatt etwas anzuschauen vergessen. Ganz in der Nähe der Stones of Stennes gibt es noch die neolithische Siedlung Barnhouse vom Ende des 4. Jahrtausends vor Christus. Ungewöhnlich ist, dass nach Ende der Nutzung die Gebäude wohl abgerissen wurden.



Danach geht es schon wieder zum Flughafen, Auto abgeben und darauf warten, dass Loganair angebraust kommt. Eigentlich hätte ich auch liebend gern noch einen Abstecher zur Orkney-Insel Papa Westray gemacht. Hier wird nämlich der kürzeste Linienflug der Welt betrieben - von Papa Westray nach Westray (bzw. umgekehrt). Der ganze Spaß dauert je nach Windlage 1-2 Minuten. Jetzt aber werde ich mich für sage und schreibe 25 Minuten in die Lüfte erheben. Ziel ist Sumburgh auf den Shetlandinseln. Empfangen werde ich genauso verregnet wie auf den Orkneys ein paar Tage zuvor. Na hoffentlich verzieht sich das noch...



Naja, fast... ein paar Tropfen kommen noch, aber ich bin ja nicht aus Zucker. Und im Vergleich zu den Orkneys ist es hier allerdings nahezu windstill. Das hat natürlich den Nachteil, dass es hier die schottischen Midges gibt ?
Ich fahre erst einmal zur südlichen Spitze der Shetlands (die etwas abseits liegende Fair Isle Mal ausgenommen). Auf dem Sumburgh Head gibt's im Leuchtturm eine kleine Ausstellung zu den tierischen Küstenbewohnern und zum Leben der Leuchtturmwärter. Man kann auch das Nebelhorn tuten lassen.
Auch 'ne spannende Bierdose steht am Leuchtturm...




https://www.cgsphotos.com/shetlandinacan Shetland in a Can | Chris G Smith Photos

Die Sonne kommt raus, passend zum nächsten prähistorischen Kleinod. Der Jarlshof wurde von 2.500 v. Chr. bis ins 17. Jh. besiedelt. Eisenzeit, Pikten, Nordmänner - alle waren sie wieder hier vertreten. Es gibt einen schönen Broch, mehrere Wheelhäuser und Souterrains. Von den Langhäusern der Wikinger sind nur noch die Fundamente zu sehen.



Na sowas... Als ich weiterfahren will, ist die Schranke zu? Hier gibt's doch gar keine Eisenbahn. Ach nein, ich muss erst einen Flieger durch lassen. Die Straße geht quer über die Landebahn des Flughafens.



Aber es geht ganz fix und ich kann meine Fahrt schon bald fortsetzen. Nächstes Ziel: das Croft House Museum. Ein Croft ist eine schottische Form der Pacht, kleine Höfe, die wahrscheinlich auch nicht so viel abgeworfen haben.



Die Shetlands bilden die Grenze zwischen Nordsee und Atlantik. Hier an der Westküste geht's nur noch nach Canada weiter. Die Landschaft ist ähnlich und doch ganz anders als auf den Orkneys. Es ist deutlich bergiger und noch ein bisschen karger. Es erinnert mich an Norwegen. Auch die neueren Häuser wirken oftmals eher nordisch als britisch.



Auch auf den Shetlands besuche ich eine Gezeiteninsel, die St. Ninian's Isle. Diese wird von einem Tombolo, einem Dünenstreifen mit dem Festland verbunden, dem größten der britischen Inseln. Da lässt es sich schön spazieren gehen. Das Wasser ist ziemlich frisch, was aber trotzdem einige nicht vom baden abhält. Es gibt auch eine Sauna direkt am Strand.
Auf der St. Ninian's Isle gab es früher auch eine Siedlung nebst Kirche. Von letzter sind noch Mauerreste erhalten. 1958 hat ein Schuljunge hier einen beträchtlichen Schatz gefunden: Silberne Fibeln, Messer, Schalen aus dem 8. Jh.





Meine Unterkunft befindet sich in Lerwick, dem Hauptort der Shetland Inseln. Da es mir allerdings noch zu früh fürs Abendessen ist, fahre ich nach dem Einchecken noch einmal los. In Scalloway treffe ich einen alten Bekannten: Patrick Stewart. Der war nicht nur Earl von Orkney, sondern auch Lord der Shetlands. Auch hier ließ er sich einen Palast errichten und auch hier war er in der Bevölkerung verhasst.

Scalloway hatte aber auch in jüngerer Geschichte eine interessante Rolle. Von hier aus operierte im Zweiten Weltkrieg der sogenannte Shetland Bus. Das waren Seeleute, die mit einfachen Fischerbooten den norwegischen Widerstand unterstützen.



Zurück in Lerwick habe ich kullinarisches Pech. Wieder kein Tisch frei... Hier ist alles so gut besucht, man muss reservieren. Also gibt's wieder was beim örtlichen Chippy.
Lerwick macht auch einen ganz netten Eindruck, auch wenn um die Zeit schon die Bürgersteige hoch geklappt sind. Aber hier darf ich halt keine mediterranen Verhältnisse erwarten.




Die Shetlands betonen noch viel mehr als die Orkneys ihr nordisches Erbe. Auf den Ortseingangsschildern beispielsweise steht zusätzlich, was die Ortsnamen auf altnordisch bedeuten. zB Lerwick = Leirvík, Old Norse: Muddy Bay

Kaamos

« Antwort #6 am: 27. August 2025, 22:42 »
Mittwoch, 13.08.2025

Das Frühstück ist verhältnismäßig einfach. Von dem gehaltvollen Zeug, was sich die Briten sonst auf den Teller laden, gibt es nur Spiegelei und Bacon. Aber die Shetlands gehören halt zu Schottland und den Schotten sagt man ja nach, geizig zu sein...

Mein erster Stopp heute ist noch einmal direkt in Lerwick: Fort Charlotte sollte die Inseln erst im englisch-niederländischen Krieg in den 1650er Jahren und später gegen Napoleon verteidigen.
Und weil damals ja alles irgendwie mit dem deutschen Adel verbandelt war, ist es nach Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz benannt, der damaligen englischen Königin.
Aber direkt in Lerwick kann ich noch ein paar tausend Jahre tiefer in die Geschichte eintauchen. Vor den Stadttoren liegt ein See, in dessen Mitte sich ein Inselchen befindet, auf dem schon vor 2.700 Jahren gesiedelt wurde. Der Clickimin Broch ist aber erst knapp 2.000 Jahre alt.



Wenn ich sagen würde, heute gibt es Mal keine alten Steine, würde ich zwar lügen, aber im großen und ganzen fahre ich heute bloß ein bisschen rum, genieße Landschaft, Sonne und Wärme. Es gibt unglaublich viele frei laufende Schafe, aber Shetland Ponys sehe ich keine.



Mitten im Nirgendwo finde ich dann den Stanydale Tempel, den ältesten vorgeschichtlichen Bau auf den Shetlands. Er wurde wohl von der Jungsteinzeit bis zur Bronzezeit genutzt. Das Gebäude liegt etwas abseits und es geht auf einem Trampelpfad durch die Heide.
Jetzt wären Gummistiefel nett gewesen. Die Heide ist nämlich vielmehr eine Feuchtwiese...



Die Schuhe sind schon wieder fast trocken, das Autogebläse wirkt Wunder. Da kann ich doch gleich wieder über eine Weide stiefeln. In Huxter stehen zum einen einige alte Wassermühlen (wieder so ein Horizontalrad, wie auf den Orkneys) und ein Broch. Jetzt kommt auch die Sonne raus, da laden die Klippen und ein Wasserfall doch gleich zu einem Mittagspäuschen ein.



Mittlerweile komme ich schon fast ins schwitzen. Hier am Esha Ness gets es noch einmal eine anderthalb Stunden spazieren, immer neugierig von unzähligen Schafen beäugt. Die Wiese ist hier auch trockener. Es gibt wieder Mal einen Broch, eine eingestürzte Meereshöhle, brütende Möwen und traumhafte Klippen. Man kann sich gar nicht entscheiden, was man alles fotografieren soll.
Und jetzt die große Frage: Welche ist die schönste Klippe? Natürlich immer die nächste... 😁




Noch fix Abendessen. Der Tisch ist diesmal wohlweißlich reserviert. Dummerweise ist mein Essenswunsch bereits aus... Also schon wieder F'n'C
Zum Glück ist das bald vorbei 😅


Kaamos

« Antwort #7 am: 27. August 2025, 22:44 »
Donnerstag, 14.08.2025

Zeitig aufstehen... hilft nix, der Bus wartet nicht. Das Auto hatte ich schon gestern Abend in Lerwick abgegeben und irgendwie muss ich ja zum Flughafen kommen. Immerhin entpuppt sich die Regenwolke vom Satellitenbild nur als dicker Nebel, der sich dann auch stellenweise lichtet. Es wird langsam Zeit, dass ich die Inseln wieder verlasse. Ich könnte zwar auch den Space Port nutzen, der im Norden der Shetlands eröffnet wurde, aber ich bleibe dann doch lieber konventionell beim Flugzeug.



Dass Sumburgh ein kleiner Flughafen ist, sieht man sehr schön am Gate :smiley_grinsen:

In Edinburgh gelandet, sieht das Wetter schon besser aus. Die Zeit reicht auch für einen kurzen Spaziergang durch Schottlands Hauptstadt. Die Unmengen an Menschen im Vergleich zu den letzten Tagen erschlagen mich fast... Die Altstadt ist außerdem voll mit Straßenkünstlern.





Wofür die Zeit gerade noch so reicht, ist die St. Giles Kathedrale. Danach muss ich mich aber sputen. Mit dem Bus geht's gleich wieder zurück zum Flughafen. Der fährt neben dem Scott Monument ab, den zweitgrößten Denkmal der Welt für einen Autor. Sir Walter Scott ist sowas wie der schottische Nationalschriftsteller. Von ihm stammen Werke, wie z.B. Ivanhoe.



Was ist eigentlich typisch britisch? Tee, die Que... äh der King, Doppelstockbusse, rote Telefonzellen...
Und die roten Briefkästen.
Bei denen gibt es eine erstaunliche Vielfalt. Eingeführt wurden sie in den 1850er Jahren, kurz nach der ersten Briefmarke. Anfangs wurden die Briefe direkt bei Relaisstationen aufgegeben und abgeholt. Aber gerade auf den Kanalinseln (Jersey, Guernsey, ...) war das ein Problem, weil der Postschiffverkehr nur unregelmäßig und unvorhersehbar kam. Die Idee war also, eine Sammelstelle zu erfinden, eine "letter-receiving pillar". Das hat man sich in Paris abgeschaut. Die Pillar Box war geboren. Die älteste noch in Benutzung befindliche Pillar Box ist von 1856.
Seitdem hat sich das Design ein kleinwenig verändert. Es gibt sie in sechseckig, in rund, eckig, in die Wand installiert... Mit den Monogrammen aller Monarchen seit Queen Victoria (ausgenommen Charles... Für ihn wurden noch keine produziert). In Schottland gibt es auch viele ohne Monogramm, dafür mit Krone.

Gemein ist allen: sie sind rot.
Es gibt nur einige wenige Ausnahmen, zur Ehrung der Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2012 - die wurden gold gestrichen. Und in den ehemaligen britischen Kolonien nutzt man auch meist andere Farben.



Nun bin ich aber schon wieder am Flughafen. Aber wo geht's hin? Weiter nach Norden! Atlantic Airways bringt mich nach Vágar, den Flughafen der Färöer. Ich habe Glück: ich bin etwas vor der Zeit gelandet und erreiche noch den Shuttlebus nach Torshavn. Eigentlich sollte ich 16.30 landen und der Bus 16.35 abfahren - der nächste erst 18.30.
Früher gab es auch einmal eine Fähre von den Shetlands zu den Färöer. Leider wurde sie eingestellt und so musste ich den umständlichen Weg über Edinburgh nehmen.



Von Torshavn laufe ich noch eine dreiviertel Stunde nach Argir. Öffis hätte genau so lange gedauert... Hier befindet sich mein Airbnb bei Berit. Ein schönes großes Zimmer mit Meerblick. Zum Abendessen gibt's dann aufgesparte Flughafensandwiches, denn nochmal nach Torshavn zurück laufen mag ich heute nicht mehr.
Und ich merke, wie hoch im Norden ich mittlerweile bin. Es ist halb 11 und immer noch relativ hell.


Kaamos

« Antwort #8 am: 27. August 2025, 22:46 »
Freitag, 15.08.2025

Der Sonnenaufgang über der Bucht weckt mich - perfektes Wetter heute.
Eigentlich nennt man die Färöer ja, the islands of maybe - weil das Wetter extrem unbeständig ist. Ich habe aber offenbar Glück. Das kleine Städtchen Tórshavn ist heute auch erstaunlich international. Man hört Englisch, Portugiesisch, Schwizerdütsch... Zwei Kreuzfahrtschiffe liegen vor Anker. Da habe ich Glück noch ein Plätzchen im Café zu bekommen, denn Frühstück gibts im Airbnb leider nicht.



Die Färöer sind teuer, da verzichte ich darauf, über die komplette Zeit ein Auto zu haben.
Um aber trotzdem ein bisschen rum zu kommen, gönne ich mir ein Fahrrad. Und damit ich auch über die Berge komme, ist es elektrisch.
Weit fahre ich erstmal nicht. Gleich um die Ecke ist der alte Friedhof von Tórshavn. Mir sind die ganzen Hansen und Johansen unbekannt, aber die Gräber sind zum Großteil noch aus dem 19. und frühen 20. Jh.
Ansonsten ist die Hauptstadt der Färöer herzallerliebst und mit ihren 14.000 Einwohnern auch recht überschaubar.

Ich bin ganz dankbar über die motorisierte Unterstützung, denn ich steigere mich. Waren die Orkneys noch relativ flach und die Shetlands hügelig, sind die Färöer jetzt eine ganz andere Hausnummer. Sie besitzen mit dem Kap Enniberg gar das höchste lotrechte aus dem Meer ragende Kliff der Welt (754m). Da werde ich allerdings nicht vorbeikommen.



Das nette Tier ist ein Färöerpony. Von denen gibt es keine 100 Exemplare mehr.

Eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Färöer (zumindest abseits der Landschaft) ist Kirkjubøur. Einst war der kleine Ort geistiges und kulturellen Zentrum der Inselgruppe. Ab 1100 war es der Sitz des Bistums der Färöer, kurzzeitig gar dem Erzbistum Hamburg-Bremen unterstellt.
Sverri Sigurdsson, der bedeutendste norwegische König des Mittelalters stammt aus Kirkjubøur. Aber keine Sorge, ich musste auch nachlesen, wer das überhaupt ist.

Was ich nicht nachlesen muss ist, wer Magnus war, nach dem die hiesige Kathedrale benannt ist - nämlich genau der gleiche wie in Kirkwall.
Für eine Kathedrale ist der Bau ziemlich klein, aber das ist natürlich der Einwohnerzahl der Inseln geschuldet. Mittlerweile ist die Kirche eine Ruine - mache sagen, sie sei nie fertig gestellt worden.

Gleich daneben befindet sich die Sankt-Olaf-Kirche aus dem Jahr 1250. Die ist die älteste Kirche der Färöer. Ihr ehemaliges Innenleben schaue ich mir heute Nachmittag im Museum näher an.

Was ich mir jetzt gleich ansehe, ist der Königsbauernhof. Der stammt aus dem 11. Jh. und ist damit das älteste noch bewohnte Holzhaus Europas. Neben dem bewohnten Teil ist auch ein weiterer als Museum zurecht gemacht. Ich sehe die Roykstova, die Rauchstube, den zentralen Raum, in dem sich quasi das kulturelle Leben des Hofes abgespielt hat, sowie die Loftstovan (Dachstube), das Büro der färöischen Bischöfe, in dem u.a. am 24.06.1298 der Schafsbrief verfasst wurde, das älteste erhaltene Dokument der Färöer.
Der Hof ist seit 17 Generationen in Besitz der Familie Patursson, die seit 1550 den königlichen Pachtbrief besitzt.

Gleich hinterm Hof befindet sich eine Pferdekoppel mit eben jenem Tierchen von den vorhergehenden Bildern, von denen mir ein Anwohnern berichtet, dass es sich um Färöerponys handelt.



Eigentlich wollte ich noch zum Tyggjara Wasserfall - noch dazu über die Bergstraße. Ich entscheide mich auf halber Strecke um. Zum einen sehe ich ihn schon eine ganze Weile von der anderen Seite des Fjordes und zum anderen habe ich keine Lust auf zweieinhalb Kilometer Tunnel. Es gibt auch schon entlang meiner Strecke einige Wasserfälle.



Es ist eine spontane Entscheidung, doch schon heute ins Nationalmuseum zu gehen. Ursprünglich hatte ich dies für Sonntag auf dem Plan, aber das wäre eventuell zu knapp geworden.
Ich lerne viel über Geologie und Tierwelt der Färöer, über die Geschichte und Kultur. Ein Highlight ist jedoch das hier ausgestellte Kirchengestühl von Kirkjubøur, der größte nationale Kunstschatz der Färöer. Die Gestühlwangen stammen aus der Olafskirche und sind über 600 Jahre alt. Eventuell sollten sie ursprünglich sogar im Magnusdom installiert werden.




Auch in Hoyvik, dem Nachbarort Tórshavns, gab es einen Königsbauernhof. Der ist mittlerweile ein kleines Freilichtmuseum. Neben den unterschiedlichen Lagerhäusern für Fleisch, Kartoffeln u.ä., gibt es auch eine Schmiede und natürlich das Wohnhaus des Landvogts. Das ist erstaunlich geräumig und im Vergleich zum Croft House auf den Shetlands regelrecht luxuriös.



Die Färöer gehören ja eigentlich zu Dänemark. Aber erst 1874 hat ein dänischer König die Inseln besucht - Christian IX. zu dessen Ehren 1882 diese Säule mit tollem Blick über die Stadt errichtet wurde. Der Besuch war nicht ganz unproblematisch. Während der Willkommensrede des Königs fiel der Bürgermeister von Tórshavn in Ohnmacht und verstarb.

Über der Stadt liegt ein unerwarteter Rosenduft. An zahlreichen Orten türmen sich Heckenrosenberge auf. Das hätte ich hier nicht erwartet.




Der Akku ist leer, passenderweise direkt in Tórshavn. Also geb ich das Rad wieder ab und ziehe wieder zu Fuß los. Auf den Tinganes hätte ich das Rad eh nicht mitnehmen können. Das ist die Halbinsel, die in den Hafen von Tórshavn ragt, der älteste Teil der Stadt, in dem seit ungefähr dem Jahr 900 der Thing stattfindet, also eines der ältesten noch existierenden Parlamente der Welt.
Die Gassen mit den roten und pechschwarzen Holzhäusern sind urig. Besonders die begrünten Dächer haben es mir angetan.



Nach den gestrigen Sandwiches darf ich heute mal wieder essen gehen - bei Katrina Christiansen. Aber oje, wo bin ich denn hier gelandet. Nur zwei Dinge auf der Speisekarte - ein großes Menü und ein kleines Menü... Ich hätte mich mal vorher informieren sollen. Naja, Augen zu und durch. Obwohl, nein! Augen auf. Denn es ist wirklich alles ein Fest für Augen und Gaumen.
Morgen werde ich wohl wieder auf Sandwiches ausweichen müssen.

- Garnelentoast
- in Soja marinierter Lachs auf Seegrassalat
- Lammkeule mit Linsen, Kartoffeln und Wurzelgemüse auf Paprikasauce
- Salat von Kohl, Birnen und Nüssen auf Frischkäse mit Senfvinaigrette
- Lemon Curd mit Crumble, Buttermilchmousse und Meringue

Jeder Gang begleitet von einem passenden Wein. Da muss ich aufpassen, auf dem Heimweg nicht im Hafenbecken zu landen.


Kaamos

« Antwort #9 am: 27. August 2025, 22:51 »
Samstag, 16.08.2025

Die Sonne geht nicht nur spät unter, sondern auch zeitig auf. 05:35 Uhr, um genau zu sein. Die Badesaison scheint auch noch nicht vorbei zu sein. Mich zieht es aber bei 8°C Wassertemperatur nicht rein ?

Heute wird aber nicht noch einmal Rad gefahren - nach 50km tut mir der Hintern immer noch weh. Heute gibt's ein Auto. Gebucht habe ich aus Kostengründen eins in der Mini-Kategorie, mit Gangschaltung. Bekommen habe ich einen Automatik Nissan Qashqai. Wenn's für den gleichen Preis ist, beschwere ich mich nicht.
Jetzt nicht viel Zeit verlieren: Frühstück gibt's an der Tankstelle.



Ich bin ganz dankbar über das Auto. So wie es über die Berge geht, hätte ich das nicht mit dem Rad machen wollen - selbst elektrisch.
Die Landschaft ist wirklich großartig. Hinter jeder Ecke kommt ein anderer toller Blick, jeder Fjord ist eine Augenweide. Alles ist so saftig grün.
Natürlich fahre ich die Touristenrouten ab. Man trifft immer wieder auf die gleichen Reisebusse. Aber das lässt sich bei der kleinen Insel wahrscheinlich nicht vermeiden. Los geht es am Múlafossur, wahrscheinlich einem der schönsten Wasserfälle auf den Färöern, der sich direkt ins Meer ergießt.



Danach ist Zeit für eine kleine Wanderung: es geht zur Trælanípa, der Sklavenklippe. Die heißt so, weil hier früher nicht mehr arbeitsfähige irische Sklaven hinab gestoßen wurden. Macht man heute zum Glück nicht mehr :)
Trotzdem sollte ich nicht so nah an die Kante gehen. Es weht eine ziemlich steife Briese und mich würde es nicht wundern, wenn hier schon der ein oder andere Tourist runter geweht wurde.
Der Blick von der Klippe auf die Insel ist aber auch großartig. Der See Leitisvatn scheint regelrecht über dem Meer zu schweben.



Von der Insel Vágar geht es jetzt wieder zurück auf die Insel Streymoy. Fähre und Brücke wird nicht benötigt, die Färöer haben einige schicke Unterseetunnel. Ziel ist das Dörfchen Saksun. Und mit Verkleinerungsformen zu arbeiten, ist auf den Färöern vollkommen legitim. In Saksun leben nur 11 Einwohner. Mit den Sachsen hat der Ort allerdings nichts zu tun, auch wenn die sonst immer überall zu finden sind (beim Magnusdom gestern stand vor mir ein Paar aus Dresden im Gästebuch).
Am Ende einer schmalen Straße - zum Glück gibt es ausreichend Ausweichstellen - ist ein Gehöft aus dem 17. Jh. der hiesige Königsbauernhof. Wiedermal absolut malerisch mit den Grasdächern. Das haben leider auch die ganzen Instagrammer entdeckt und sich in den letzten Jahren nicht so vorbildlich verhalten. Daher sind Kirche und Friedhof nun für Besucher gesperrt.



Die Fjorde und die steilen Hänge haben den Nachteil, dass man kilometerweit fahren muss und in der Luftlinie eigentlich gar nicht so weit gekommen ist. Allerdings ist es eine aufregende Landschaft. In Tjørnuvík bin ich (nach 5 Minuten an einer roten Ampel) am Ende des Straßennetzes angekommen. Der Ort hat einen schwarzen Strand und ein Kaffee. Auf den Kuchen muss ich leider verzichten, da es gerade schließt. Aber ein Coffee to go ist noch möglich.



Ich hab es ja schon gesagt, die Färöer werden auch The Islands of Maybe genannt. Das Wetter ist unberechenbar. Von Tal zu Tal kann es sich unterscheiden, schönster Sonnenschein, dicker Nebel - nur 5 Minuten voneinander entfernt und auch schnell die Plätze tauschend.



Noch ein kurzer Abstecher nach Gjógv und Gøta und unterwegs ein Abendessen. Das fällt etwas spartanischer aus als gestern. Und dann geht es auch schon durch den Eysturoyartunnilin zurück nach Tórshavn. Es gibt zwar Fähren auf den Färöern und auch ein paar Brücken, doch seit neuestem beschreitet man hier ganz neue Wege. Mehrere Unterseetunnel verbinden einige der Inseln miteinander. Der spektakulärste ist wohl der Eysturoyartunnilin, denn 72m unter der Wasseroberfläche befindet sich ein Kreisverkehr. Zum Zeitpunkt der Eröffnung weltweit einmalig.




https://www.youtube.com/watch?v=ObCCwBBekMg&lc=Ugzk4jiwA1E5R0EXqKB4AaABAg

Wenn ich schon einmal dran vorbei komme, schaue ich noch im Skansin vorbei. 1629 wurden die Färöer von türkischen Piraten überfallen. Die kamen tatsächlich so weit hoch in den Norden. Daraufhin wurde zum Schutz der dänischen Handelsniederlassung eine kleine Festung errichtet, die von den einheimischen auch die friedlichste Festung der Welt genannt, da wenn von hier geschossen wurde, es höchstens Salutschüsse waren.
Und so wie ich den Tag beginne, mit einem Aufgang, so beende ich ihn auch. Gleiche Blickrichtung, allerdings anderes Gestirn und 22:05 Uhr.


Kaamos

« Antwort #10 am: 27. August 2025, 22:54 »
Sonntag, 17.08.2025

Sonne im Gesicht, Sprühnebel im Nacken - so richtig sicher ist sich das Wetter noch nicht. Egal erstmal Auto abgeben und was kleines zum Frühstück holen. Es gibt Berlinari und Spandauer 😅
Dann ab zum Busbahnhof und weiter nach Klaksvík.



Die Sonne hat sich entschieden zu bleiben. Zumindest in diesem Teil des Archipels. Ich mache also einen kleinen Spaziergang zum Klakkur. Herrliche Aussichten! Für den ganzen Wanderweg bis zum Gipfel reicht die Zeit nicht. Von dort aus hätte man einen wunderbaren Rundblick auf die umliegenden Inseln.
Aber eigentlich bin ich hierher gekommen, um wieder weg zu fahren...



... bzw. weg zu fliegen.
Auf den Färöern gibt es ein stark subventioniertes Helikopternetz. Das muss ich unbedingt ausprobieren für den Rückweg nach Tórshavn. Die Aussicht ist atemberaubend!






Leider hat es nur zehn Minuten gedauert. Aber da der Heli ja eigentlich dazu da ist, den Transport der Einheimischen zu erleichtern, und nicht, um Touristen zu bespaßen, ist das natürlich okay - und wenn ich die zehn Minuten den 90 Minuten für die Hinfahrt entgegenstelle, natürlich umso mehr.

Genau genommen dauert das Erlebnis "Helikopter" sogar noch zehn weitere Minuten. Erst dann lässt das Summen in den Ohren nach 🫨

Einmal geht es noch über die Tinganes. Es ist einfach zu schön hier...





Nach einem Abend Schmalhans darf ich jetzt wieder. Der Restaurantbesuch stand auch schon im Reiseplan. Das beste Restaurant der Färöer war das KOKS. Das gibt's nicht mehr. Im Gegensatz zum Schwesterrestaurant ROKS. Wie vorgestern gibt es nur zwei feste Menüs. Die haben es aber immerhin in den Guide Michelin geschafft. Man merkt, dass die Färöer eine Inselnation sind und Fisch eine wichtige Rolle spielt.
Es ist auch beeindruckend, was die Kellner über die Gerichte und die Weine erzählen. Auch wenn ich Cretin ohne die Erklärung wahrscheinlich weder Erdbeere noch getrocknete Tomaten rausgeschmeckt hätte.

Alles in allem ein mehr als würdiger Abschluss dieser Inseltour.

- Seeigeltoast
- gebratener Kabeljau mit Chimichurri
- Jakobsmuschel mit Vanilleschaum
- Langustine mit schwarzem Sesam
- Lachs-Kobujime mit Gurkensorbet
- Grönlandische Schneekrabbe mit gerösteter Zwiebelbutter
- Miesmuschel mit 'Nduja
- Makrele
- Saibling mit Knoblauchschaum und Erbspüree
- Zitronensorbet mit Wermut
- Käsekuchen und Schokoladensorbet

Aber Achtung, der Preis (plus Weinbegleitung) ist nicht jedermanns Geschmack  ;)





Oje, soll ich operieren???



Diese Reise bin ich nun genug geflogen. Jetzt geht's aufs Wasser. Zwischen Island und Dänemark pendelt die MS Norröna. Für Island müsste ich noch eine Woche anhängen, also geht's in die andere Richtung.
Die Färöer waren wirklich schön. Die torfgedeckten Holzhäuser, der spezielle Geruch, das satte Grün...


Kaamos

« Antwort #11 am: 27. August 2025, 22:55 »
Montag, 18.08.2025

Tage auf See ziehen sich immer ein bisschen. Und zu berichten gibt es auch nicht so viel. Eigentlich ist man ja immer nur am Essen.

Eisberg... ! Ach Quatsch, das ist ja nicht die Titanic.
Vielmehr tauchen beim Frühstück langsam die Shetlands am Horizont auf.



Eigentlich bin ich ja nicht so der Biertrinker, aber die Flasche des Färöischen Gebräus hat schon was. Dazu gibt es zum Mittag leckere Smyrjibreyð.
In der Zwischenzeit biege ich von der Norwegischen See in die Nordsee ab.



Direkt Mal Zeit für ein Nickerchen. Etwas Sonne wäre jetzt noch schön. Ein bisschen schaukelt es, aber es ist bei weitem keine stürmische See. Ab und zu kommen Möwen vorbei, der ein oder andere Delphin hüpft und in der Ferne sind einige Bohrinseln zu sehen.

Das Schiffsrestaurant Munkastova ist nach dem ältesten Haus in Tórshavn benannt. Ich bin bestimmt dran vorbei gelaufen. Hier hatte früher die Hanse ihren Sitz, die das Handelsmonopol auf den Färöern hatte. 1673 überstand das Haus einen großen Stadtbrand. Man munkelt, es war Brandstiftung, um Unregelmäßigkeiten in den Konten zu vertuschen. Das ging wohl schief, das Haus blieb erhalten.

Ganz weit hinten sieht man jetzt auch schon die norwegische Küste.



Kaamos

« Antwort #12 am: 27. August 2025, 22:58 »
Dienstag, 19.08.2025

Noch fix was Süßes zum Frühstück im Skagerrak und schon erreiche ich Hirtshals. Von hier aus geht's mit der Bahn nach Ålborg - schnell und unkompliziert. Aber ganz ungewohnt: so viele Bäume entlang der Strecke 😁



Weil in Ålborg aber umsteigen angesagt ist, kann ich noch einen kurzen Spaziergang durchs Zentrum machen. Hübsche Stadt, viel Architektur um die Jahrhundertwende und ein wenig älteres.
In der Jomfru Ane Gade reiht sich ein Lokal ans andere, abends ist hier sicher einiges los. Hübsch ist auch der St.-Budolfi-Dom, so ganz in weiß.



Das ist ja mal was. Da spaziert man durch den Park und plötzlich trällert was los. Aber nicht etwa Amsel, Drossel oder Fink, sondern ganz viele Stars - sondern Elton John, Shakira, die Wiener Philharmoniker... Im Syngende Træer, dem musikalischen Park haben die verschiedensten Künstler Bäume gepflanzt und neben jedem Baum eine eigene Jukebox bekommen.



Nach dem Ständchen geht es noch einmal kurz auf die Schiene. Die Zugfahrt macht aber regelrecht müde. Nach den letzten Tagen einfach nur sitzen und nichts tun ist anstrengend. Aber ich darf mich ja gleich wieder bewegen. Und es ist so ungewohnt sommerlich warm, als ich Århus erreiche!

Århus macht einen richtig netten Eindruck! Es ist ein Mix aus Modern, Jahrhundertwende und dazwischen auch Mal ein bisschen Fachwerk.
Vorbei am Toldboden, dem Zollhaus, komme ich zum Hafen bis hin zum DOKK1, der Bibliothek und Kulturzentrum. Nicht nur für die geistige Erbauung ist gesorgt, ringsrum sind außerdem lauter Spielplätze.



Jetzt habe ich doch tatsächlich einen Garten gefunden - hoch über den Dächern von Århus! Seit acht Jahren gibt es auf dem Dach des Kaufhauses Salling einen wunderbaren Dachgarten. Hier lässt es sich schön in der Sonne sitzen. Sogar einen Eisverkäufer haben die aufs Dach gehievt. Leider schon geschlossen...
Aber ich wollte heute ja eh fasten 😅



Århus hat noch einen zweiten Skywalk: auf dem Dach des Kunstmuseums ARoS. Da kommt man wohl aber nur mit einem kompletten Ausstellungsbesuch hin. Picasso und Miró sind spannend, aber dafür fehlt mir heute die Muse. Und 27€ für ein Ticket sind schon happig.



Jetzt habe ich aber doch Huuunger. Es gab ja heute früh nur das kleine Teilchen auf dem Schiff. Da darf ich jetzt. Glücklicherweise mach das Restaurant seinem Namen keine Ehre. Es sieht alles recht deliziös aus.


Kaamos

« Antwort #13 am: 27. August 2025, 23:00 »
Mittwoch, 20.08.2025

Da öffnungszeitenbedingt mein Tag erst um zehn startet, konnte ich gemütlich ausschlafen und frühstücken.
Gleich neben dem Hotel besuche ich den Dom zu Århus. Die Backsteingotik und der Spitze Turm erinnern mich sehr an meine Zeit in Rostock. Der Innenraum der Kirche ist beeindruckend ursprünglich war er einmal voller Fresken. Dann kam die bilderstürmende Reformation. Zum Glück haben es einige Fresken trotzdem überstanden.



Mein großes Ziel für heute ist Den Gamle By, die alte Stadt. Es ist eines der größten Freilichtmuseen der Welt und ähnlich, wie ich es schon in Oslo gesehen habe, wurden Häuser aus verschiedenen Ecken Dänemarks zusammen getragen, aus verschiedenen Epochen, mit Liebe zum Detail und voller Leben.
Die Werbung sagt, man soll etwa einen ganzen Tag einplanen. Ich habe nicht damit gerechnet, aber es ist wirklich so.
Ich starte mit einer kleinen Zeitreise durch die Stadtgeschichte von Århus und bewege mich dann langsam in der Zeit zurück, besuche eine Regenbogenfamilie von 2014, ein Hippiepärchen aus den 70ern, eine Schulrektorin, eine Studenten-WG, türkische Gastarbeiter, stöbere durch die Geschäfte, die Praxis einer Gynäkologin und die Werkstätten im Hinterhof.
Überall kann man die Häuser und Wohnungen betreten, es ist wirklich spannend. Die Telefone sind übrigens auch alle miteinander verbunden und man kann sich anrufen.
Und Wahnsinn, wie viel früher geraucht wurde.

Der Abschnitt 1900-1927 nennt sich "moderne Zeiten". Wenn man das nun aber alles rückwärts abläuft, fällt das gar nicht so auf.
Es gibt aber immerhin ein Autohaus, Zapfsäulen und eine Telefonzentrale, wo die Leitungen manuell umgestöpselt werden müssen.
Rings um den Marktplatz stehen etliche Fachwerkhäuser. Das prunkvollste ist das des Münzmeisters.
Gleich daneben ist der Bürgermeisterhof, in dem Zimmer aus Renaissance, Barock, bis hin zum Biedermeier vertreten sind.




Zum Glück sind die Geschäfte nicht nur zum Anschauen da. Da der kleine Hunger kommt, gehe ich zum Bäcker, der mit Rezepten aus dem 19. Jh. arbeitet. Nebenbei klappert immer Mal wieder eine Kutsche übers Pflaster und der Leierkastenmann spielt sein Lied. Schließlich geht es weiter, durch allerlei Geschäfte und Werkstätten, vorbei an Festplatz und durch die Gärtnerei.
Darauf, beim Sargschreiner probe zu liegen, verzichte ich dankend.




Gleich hinterm Gamle By ragt das Kontrastprogramm empor: die weiße Kuppel des botanischen Gartens. Da noch ein paar Minuten Zeit ist, bis er schließt, schaue ich rein. Im Tropenhaus herrscht eine tolle Atmosphäre mit dem ganzen feuchten Grün.



Århus ist kunterbunt. Die Street-Art-Szene scheint recht aktiv zu sein.
Das es direkt ein Projekt mit tieferem Sinn dahinter gibt, habe ich leider erst zu spät gelesen, sonst hätte ich mich auf die Suche nach allen 17 Murals gemacht.

https://aarhusinside.dk/17-walls-street-art/  Oplev 17 Walls: Aarhus' nye street art i 2024



Abendessen spare ich mir, im Gamle By gab es dicke Smørrebrød.

Kaamos

« Antwort #14 am: 27. August 2025, 23:03 »
Donnerstag, 21.08.2025

Ich muss sagen, dass ich Dänemark als Reiseland bisher sträflich vernachlässigt habe. Århus war wirklich schön. Jetzt geht es allerdings schon wieder weiter...

Umsteigen in Fredericia, Flensburg und Hamburg. Bis jetzt ist alles pünktlich, das darf gerne so weitergehen.
Den letzten Abschnitt fahre ich aber nicht direkt nach Berlin, denn die Strecke wird seit einigen Tagen generalüberholt. Das kann eine Weile dauern. Tja - und ich hätte nicht unken sollen, zum Schluss fährt die gute DB 25' Verspätung zusammen. Und auch schön: Kaum ist wieder Vegetation um einen rum, meldet sich die pollensensible Nase. Na toll...

Aber ich sollte nicht so viel meckern, denn es geht eine wirklich schöne Zeit zu Ende. Eine Zeit in einer für mich doch recht ungewohnten Ecke.



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