Donnerstag, 07.08.2025
Bitte Rucksack packen und Roller schnappen, damit wir uns den ersten Marsch zur Bushaltestelle sparen können. Es ist schon praktisch, dass es die Roller mittlerweile bis zu uns ins Viertel geschafft haben. Das frühmorgendliche Gepäck Schleppen im Dauerlauf war immer ätzend. Man will ja nicht zu zeitig aufstehen, aber auch nicht zu spät an der Bushaltestelle stehen.
Mit Eurowings geht es von Berlin nach Newcastle. Alles pünktlich, was will man mehr. Das Gepäck lade ich nur schnell im Hotel ab, einem alten Kaufhaus aus den 1930er Jahren. Ein bisschen was vom Art Deco ist noch erhalten.

Newcastle und Tynemouth

Da halte ich mich allerdings nicht lange auf und stehe schon wieder am Bahnsteig. Hier muss man echt aufpassen, nicht in den falschen Zug zu steigen, es gibt zu viele verschiedene Bahngesellschaften bei den Briten. Bei mir lief aber alles gut und schon stehe ich in Durham. Hübsches kleines Städtchen.

Durham, 20km südlich von Newcastle. Die Stadt ist knapp 1000 Jahre alt und wurde von vor Wikingern fliehenden Mönchen aus Lindisfarne gegründet
Durham ist Weltkulturerbe. Die Briten sagen sogar, die Kathedrale ist das schönste Bauwerk ihrer Insel. Zumindest ist sie das größte und perfekteste Monument normannischer Architektur in England. Die runden Pfeiler im Langhaus sind gewaltig. Ebenso wie der Blick, den man vom Vierungsturm aus hat. Den musste ich mir aber mit 325 Stufen schwer erarbeiten.
Man hat von oben auch einen schönen Blick auf Durham Castle mit seinem mittelalterlichen Wohnturm.
Im Chor der Kathedrale befindet sich das Grab des hlg. Cuthbert. Der Bischof von Lindisfarne soll während seiner Lebzeiten im 7. Jh., aber auch noch danach etliche Wunder bewirkt haben, was ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der anglikanischen Kirche macht.
Ihm wird auch nachgesagt, eines der ersten Naturschutzgesetze der Geschichte gestiftet zu haben, da er den Mönchen Regeln auferlegte, wie sie mit Enten umzugehen hätten. Die nennt man jetzt teilweise noch St.-Cuthberts-Enten.
Als die Wikinger in England einfielen und Lindisfarne zerstört wurde, musste Cuthbert umziehen. Seine Gebeine wurden ein paar Jahre lang Mal hierhin, Mal dahin transportiert und schließlich in Durham wieder beigesetzt. Während der Reformation wurde sein Schrein zerstört, das Grab gibt es aber immer noch.
Und zu guter Letzt noch was ganz triviales: auch Harry Potter wurde hier gedreht.



Den Nachmittag verbringe ich noch im sonnigen Newcastle. Die Stadt hat hübsche Ecken. Eigentlich erstaunt das fast, wenn ich mir anschaue, wie wenig Geschmack die Briten bei der Mode an den Tag legen. Was mir allerdings auch auffällt, sind die vielen Bettler und Obdachlose, das fand ich erschreckend.

Über den Fluss Tyne gehen einige große Brücken. Das sieht recht malerisch aus. Dass dann die Eisenbahn gleich mal 2m neben der alten Burg von Newcastle (pun intended) vorbei rattert, nimmt man einfach mit in Kauf.
Ganz in der Nähe werde ich fast von einer schwarzen Gestalt angesprungen: dem Vampirhasen von Newcastle. Der soll wohl früher erschienen sein, um Grabräuber neben der Kathedrale zu verscheuchen. Sachen gibts...

Zum Abendessen gibt's karibisch... Man, ist das scharf... und viel. Da darfs dann noch ein Verdauungsspaziergang sein. Noch einmal über die Brücken, diesmal mit Ausblick auf die Millennium Bridge. Das besondere: die Kippbrücke lässt sich um die Längsachse rotieren. Gerade will kein großer Kahn durch, aber auch beleuchtet macht sie was her.

Die Millennium Bridge ist jene, direkt unterm Abendessen
Freitag, 08.08.2025
Das Frühstück ist very british, mit Bohnen, Rührei und Schinken. Das gibt eine gute Grundlage für den Tag. Ein bisschen Zeit bleibt mir in Newcastle noch. Meine Runde starte ich im Grainger Market. Was denn, ein Basar? Naja, ganz Orient ist es nicht. Der Grainger Market war lange Zeit der Fleischmarkt von Newcastle. Mittlerweile (seit fast 200 Jahren) ist er überdacht und hat sich zu einer Markthalle für alle möglichen Lebensmittel entwickelt. Gleich daneben gibt es eine wunderschöne Passage, die Central Arcade.

Es war aber gut, dass ich schon gestern alles abgelaufen bin, heute fehlt ein bisschen die Sonne. Dafür hat heute die Kathedrale geöffnet. Bei den Kirchengebäuden fallen mir hier in der Gegend die für mich ungewöhnlichen Proportionen auf: relativ flach und langgezogen. Da wirkt der Turm dann unpassend dran. In Newcastle hatte er allerdings eine wichtige Funktion. Die Laterne wurde hier ihrem Namen gerecht, denn früher hat man im Strebwerk ein Feuer entzündet, um den Schiffen den Weg in den Tyne zu weisen.

Mit dem Doppelstockbus geht's jetzt ein Stück aus Newcastle raus. Hier finde ich den Engel des Nordens, der an die industrielle Vergangenheit Englands erinnern soll.
Hier ist ganz schön was los, damit habe ich nicht gerechnet. Wahrscheinlich liegt es auch an dem inoffiziellen Friedwald neben dem Engel. Bestattet ist hier zwar wohl keiner, aber mit der Zeit sind viele Gedenkstätten errichtet worden.

Bus zurück und in die S-Bahn umgestiegen: jetzt geht es an die Küste, nach Tynemouth. Briten sind hartgesotten. Es ist zwar jetzt kein schlechtes Wetter, aber auch nicht so, dass ich unbedingt ins Wasser wollen würde. Das stört hier wenige, es herrscht reges Strandtreiben.
Aber ich bin nicht wegen der Wellen hier, sondern natürlich wegen alter Steine. Direkt an den Klippen erhebt sich die Ruine der Abtei von Tynemouth. Im Mittelalter war sie einst recht bedeutend, und Grablege zweier Könige von Northumbria, sowie der schottischen Königs Malcolm III., dessen Vater übrigens von Macbeth ermordet wurde.
Seitdem haben Mal wieder dänische Wikinger gewütet und die Reformation hat ihr Übriges zum Verfall beigetragen.

Jetzt aber schnell zurück nach Newcastle, ich habe einen Zug zu bekommen. Crosscountry? LNER? Whatever... Tja, was hab ich gesagt? Verwirrendes Zugsystem. Jetzt sitz ich in der falschen Bahn. Gleiches Gleis, gleiches Ziel, gleiche Route, 15 Minuten eher - aber falscher Anbieter.
Vielleicht hab ich Glück und es wird nicht kontrolliert, bis die nächste Haltestelle kommt.
Aber da man ohnehin nur mit Ticket auf den Bahnsteig kommt, stehen die Chancen gut.
In Berwick-upon-Tweed klappt der Zugwechsel und so geht die Fahrt ohne Probleme weiter nach Norden, vorbei an Edinburgh, mit einem wunderbaren Sonnenuntergang am Firth of Tay. Die Brücke hat zum Glück gehalten 😁
Fontane: Die Brück’ am Tay
(28. Dezember 1879)
When shall we three meet again?
Macbeth
»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm,«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.
»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«
»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«
Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin »Ich komme« spricht,
»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.«
Und der Brückner jetzt: »Ich seh’ einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, —
Und in elf Minuten ist er herein.«
Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.
Und unser Stolz ist unsre Brück’;
Ich lache, denk’ ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab’ ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein.«
Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.
»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm,«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«
»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«
»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«
Was weniger schön war, ist die Verspätung, die die Bahn mittlerweile hat. Meinen Anschlussbus in Aberdeen habe ich knapp verpasst. Ich hab ihn noch um die Ecke fahren gesehen. Immerhin gibt's für die Verspätung gleich eine Entschädigung. Bei der DB hätte ich sicher erst betteln müssen. Und während ich noch auf den nächsten Bus warte, ist das Geld sogar schon da, die Hälfte des Fahrpreises.
Das Hotel ist diesmal direkt am Flughafen. Und Foodporn gibts auch nicht, da ich heute ausnahmsweise nur Sandwiches habe.
