Thema: Sklavenarbeit: nicht nur in unseren Reisezielen  (Gelesen 2756 mal)

austria

« am: 24. November 2014, 07:37 »
@Michael7176 hatte mich in einem anderen Thread angesprochen, weil ich meinte, dass wir alle, auch hier, in Versklavung leben. "Verstehe ich das jetzt richtig? Du glaubst echt, dass jeder Arbeitnehmer in Europa ein Sklave ist? Ich finde diese Aussage schon etwas schräg. Bei allen Fehlentwicklungen (Leiharbeit, Hatz4-Aufstocker) denke ich nicht, dass wir alle unfrei sind. Der Vergleich mit den Gastarbeitern in den Emiraten verbietet sich eigentlich. Und welche Alternativen hättest du anzubieten?  Insbesondere solche, die nicht im Totalitarismus enden?"

Daher hier meine Antwort und nicht im Thread (da gehört es nicht hin).

Hallo Michael,
bis auf einige, wenige Menschen leben wir in einer Versklavung, ja sicher. Nur, weil Du das nicht erkennst, ist es das dennoch. Sklaven müssen das tun, was ihnen der Massa sagt. Gut, wir haben niemanden, der mit der Peitsche hinter uns steht, aber das gab es auch eher selten bei Versklavungen, richtig ist vielmehr, dass Sklaven auch innerhalb der Gruppen Hierarchien hatten und "Leitsklaven" die Gruppen anführten. Einen bösen Herrn mit Flinte und Peitsche gab es früher zumindest eher weniger, dazu waren Sklaven zu wertvoll, um sie einfach zu töten. 
Heute haben wir nicht nur bei den angesprochenen Hartz4-Bedingungen sklavische Verhältnisse. Fabrikarbeiter, denen es nicht gestattet ist, aufs Klo zu gehen wie bei Amazon, gibt es unzählige, ich habe selber genug davon erlebt. Nimm Paketfahrer, einen Job, den ich lange, viel zu lange machen musste. Ich habe höchsten Respekt vor deren Job, weil ich weiß, in welchem Abhängigkeitsverhältnis die stehen müssen. Nimm Ärzte, die 48-Stunden Schichten schieben MÜSSEN, Pflegerinnen, die für 4 Euro arbeiten, nimm die Verkäufer bei Lidl und Konsorten.
Du wirst sagen, klar, schlimm, aber keine Sklaverei. Dann sage ich Dir, Du hast noch nicht unter diesen Bedingungen gearbeitet. Ich schon.
Ich setze noch einen drauf: Sklaven haben keinen Besitz. Wir glauben, Besitz zu haben. TV, Auto (mit dem wir unsere Freiheit geniessen können...), Handy. Oder eben Haus und Grund. Nun gut, für ein Haus nimmst Du Geld auf, Du zahlst in der Regel den aufgenommenen Betrag doppelt zurück, wenn Du endlich nach 25 oder mehr Jahren abgezahlt hast. Die meisten Leute tun alles, um in dieser Zeit ihren Besitz nicht zu verlieren. Aber was ist mit dem Grund, den man gekauft hat? Nun, den Grundbesitz besitzt du gar nicht, den besitzt nämlich immer - die Gemeinde oder die Stadt oder das Land. Deswegen bezahlst du jedes Jahr Grundsteuern. Zahlst Du die nicht,  bist Du den Grund mit allem, was darauf steht los. Du besitzt also in Wirklichkeit: nichts.
Du fragst nach den Optionen, den Alternativen? Nun, ich habe vage Ideen, aber keine Rezepte, dazu muss jeder für sich selber erkennen, was wichtig ist. Klar ist, Kommunismus oder "der gute König" sind Hirngespinste, die bisher nicht als Allheilmittel getaugt haben und ziemlich sicher auch für die Zukunft für eine Allgemeinheit unlebbar sind. Die Grundidee, dass jeder gleich ist, ist in unserem Staatssystem gut, aber es ist doch nicht so.
Für mich stelle ich fest, dass mein Leben einfacher ist, wenn ich gewisse Einflüsse aus meinem Fokus nehme. Ändern kann ich nur hier vor Ort etwas. Spenden von dem, was ich habe und denen, die in Unfreiheit leben -wohlgemerkt in unfreieren Verhältnissen als ich- mit praktischem Handeln zu unterstützen. Solange es machtvolle Institutionen wie Banken, multinationale Konzerne, die unser Essen kontrollieren und Politiker, die so reden und anders handeln (siehe TTIP) gibt, können wir nur als Gemeinschaft handeln, nicht als einzelne Personen.
Ich engagiere mich seit längerem bei AVAAZ, vielleicht ist das mal eine Anregung, solltest Du diese Organisation noch nicht kennen.

Liebe Grüße, ,
Thomas

Vombatus

« Antwort #1 am: 24. November 2014, 09:17 »
Nur Kurz, gerade fehlt mir die Zeit, aber man vergleicht hier zwei verschiedene Dinge.

Es gibt einfach einen nicht vergleichbaren Unterschied zwischen den Bedingungen der "Gastarbeiter" in den VEAs und den hiesigen Arbeitsbedingungen.

In den VEA sind die Gastarbeiter quasi 100% rechtelos. Nur ein Beispiel, die Gastarbeiter aus Nordkorea:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/fussball-wm-2022-in-katar-nordkorea-schickt-gastarbeiter-ins-emirat-a-1001757.html
Oder tausende von Hausangestellten:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/uae-vereinigte-arabische-emirate-beuten-gastarbeiterinnen-aus-a-998644.html

Wie soll ich das jetzt mit den "RECHTEN" und "PFLICHTEN" des europäischen Arbeits- und Gesellschaftsystems vergleichen?
Wie viele Menschen fliehen aus ihrer Heimat (nicht selten setzten sie Leib und Leben dafür aufs Spiel), nur um in unserer "versklaveten Welt" zu leben?

santiago

« Antwort #2 am: 24. November 2014, 10:05 »
Es gibt nun mal in gewisser Weise ein hierarchisches System.

Nur, weil ich jetzt Angestellter bin und einen Chef habe, der mir und meinem Team Aufgaben gibt, würde ich mich aber auf keinen Fall als Sklave bezeichnen. Ich habe mir die Arbeit ausgesucht, darf etwas arbeiten, was mir Spaß macht, und bekomme für die Arbeit ein faires, angemessenes Gehalt, von dem ich recht gut leben kann und so meine Freizeit gestalten kann, wie ich das gerne möchte. und das ist für mich Freiheit.
Dass es natürlich auch andere gibt, die in prekären Jobs arbeiten und Dienstleistungen für niedrige Löhne erbringen müssen, stimmt natürlich. Im Unterschied zu VAE oder so kann ich mich aber gegen Ausbeutung und miserable Arbeitsverhältnisse wehren (Stichwort Arbeitsrecht), was der Gastarbeiter in Quatar auf der Baustelle nicht kann. Aber du wirfst ja quasi alle in einen Topf, das geht nicht.

Irgendwie vergisst du bei deinen Ausführungen jene Leute, denen zB ihre Arbeit Spaß macht. Leute die gerne 48h Stunden arbeiten, weil (deinem Beispiel der Ärzte folgend) sie einen wichtigen Beitrag leisten können und Menschen helfen können (und nein, das ist nicht nur Hörensagen sondern persönliche Erfahrung aus der Verwandtschaft).

Miete zu bezahlen, Grundsteuer zu bezahlen, Energiekosten zu bezahlen ist doch bitte keine Versklavung. Wie soll es denn sonst funktionieren? In Mitteleuropa haben wir eben Pflichten UND Rechte. Allein die Pension, Krankenversicherung, etc. ist ein nicht hoch genug einzustufendes System, das eben auf der Gesellschaft aufbaut, das jeder seinen Beitrag zu leisten hat (mit Steuern,...). Auch eine Gemeinde muss sich finanzieren und dies eben (wieder deinem Beispiel folgend) durch Grundsteuer machen, damit die Straßen im Winter schneefrei sind (um auch nur irgendein Beispiel zu bringen, da ich ich zugegebener Maße bei Grundsteuer usw. nicht auskenne)

karoshi

« Antwort #3 am: 24. November 2014, 10:38 »
Auch nur kurz, weil gerade wenig Zeit: Ich finde, dass der Vergleich hinkt. Ich stimme zu 100% zu, dass es in der Arbeitswelt (nicht nur der deutschen) einen unguten Trend zur verstärkten Ausbeutung gibt. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zu dem System in der VAE, Qatar oder Saudi-Arabien: Die Menschen hier haben eine Wahl, selbst wenn es oft nur die Wahl zwischen zwei Übeln ist. Wenn der Arbeitgeber unsere Rechte missachtet oder das Gehalt nicht zahlt, können wir uns dagegen wehren bzw. den Job aufgeben (auch wenn das normalerweise einen hohen Preis hat). Die Gastarbeiter dort sind praktisch Gefangene, die ohne die Zustimmung ihres Arbeitgebers nicht einmal das Land verlassen dürfen, und zwar auch dann, wenn der ihre Rechte mit Füßen tritt. Diese totale Ausgeliefertheit ist eine ganz andere Liga als die zugegeben krassen Fehlentwicklungen im europäischen Arbeitsmarkt.

NRW

« Antwort #4 am: 24. November 2014, 11:28 »
Ich finde den Beitrag von Austria auch ziemlich schräg.

Leiharbeit, Niedriglohnjobs und gefühlte Abhängigkeiten hin- oder her, aber das mit Sklavenarbeit durch Menschenhandel zu vergleichen ist kurz und knapp einfach dumm.


Michael7176

« Antwort #5 am: 24. November 2014, 12:20 »
Hier wurde ja schon einiges gesagt. Trotzdem schreibe ich noch etwas hierzu, da du ja auf meinen Beitrag aus einem anderen Thema anspielst. Ich bin schon der Meinung, dass man hier in Deutschland seinen Weg gehen kann. Es ist nicht unmöglich, ein selbstbestimmtes und glückliches Leben zu führen. Wenn das bei dir, Austria, bisher nicht der Fall war, tut mir das Leid. Ich habe das geschafft. Und das trotz Behinderung und reichlich Problemen in meiner Schulzeit.
Und das Wichtigste ist, dass man unsere Länder (D, Aut, SUI) jederzeit verlassen kann und am anderen Ende der Welt sein Glück suchen darf. Das tun ja auch einige. Es gibt sicherlich einiges in unserer Gesellschaft zu bemängeln. Wenn man mich fragt, erscheint mir manchmal auch die alte Bundesrepublik als gemütlicher und sozialer. War halt auch ne andere Zeit. Vor der Globalisierung. Unsere Gesellschaft ist aber auch vielfältiger geworden. Du kannst heute viel einfacher deinen eigenen Lebensstil pflegen. Ohne dafür schräg von der Seite angeschaut zu werden. Das war vor 30 Jahren sicher anders. Du musst in unserer Gesellschaft auch nicht alles mitmachen. Wenn dir das Fernsehprogramm nicht gefällt, dann schmeiss deine Glotze auf den Müll. Fahr Fahrrad, wenn du kein Auto brauchst um glücklich zu sein. Wenn du die "Ausbeutung" in einer Firma leid bist, mach dich selbstständig. Wenn dir das Gemüse nicht schmeckt, bau dein eigenes an. Ach.... von mir aus kannst du aber ruhig verbiestert durchs Leben rennen und irgendwann unglücklich sterben. Dein Problem. Evtl. erkennst du aber doch irgendwann, dass du derjenige bist, der dir die Freiheit raubt.
Gruesse
Michael

White Fox

« Antwort #6 am: 26. November 2014, 19:34 »
Als im deutschsprachigen Raum wird ja sehr gerne über die "fürchterlichen" Verhältnisse gemeckert. Zu Deutschland selbst kann ich nicht allzu viel sagen, ich habe dort von zwei Ferienjobs abgesehen nie gearbeitet. Dennoch höre ich ja viel von Freunden und Familie und im Vergleich scheint es dort ähnlich zu sein wie in den Ländern, in denen ich gearbeitet habe (erst Australien und jetzt Schweiz). In Australien hat man es als Absolvent schwerer, dafür als ungelernte Kraft oder in Lehrberufen leichter als in Deutschland. In der Schweiz scheinen mir fast paradiesische Zustände zu herrschen, aber vielleicht betrifft das nur meine Branche (glaub ich aber nicht).
Ich finde im Westen geht es uns doch recht gut und den Vergleich mit so manchen anderen Regionen (VAE) finde ich völlig unzutreffend.

farmerjohn1

« Antwort #7 am: 27. November 2014, 09:14 »
Den Vergleich als solchen finde ich nicht falsch - sowas muss erlaubt sein in einer globalisierten Welt. Ich wuerde sogar zustimmen, dass die Entwicklung ueberall in die gleiche Richtung geht: offenbar wird fast jede Arbeit immer weniger in Geld bemessene Existenzgrundlage wert. Als Ursachen kommen u.A. in Frage: technischer Fortschritt, andere Verengungen der wertschaffenden Arbeitsaktivitaeten und Verringerung der Anzahl von Arbeitsplaetzen bei gleichzeitiger Erhoehung aller Arten von Arbeitskraefteangebot, unueberschaubar grosse Geldmengen ohne tatsaechliche Wertdeckung,   viele uebersaettigte Maerkte, Werteverfall in vielen einst vernunftbasierten Kulturen, usw.
Und ja - wenn man von allen Seiten lange genug draufhaut, geht irgendwann auch das solideste Werk kaputt, und wenn es dann soweit ist muessen sich auch die Mitteleuropaeer  fragen lassen aus welchen Gruenden es ihnen so viel besser gehen soll als anderen, die auch nicht alle nur untuechtig und unfaehig sind.
Voellig unverhaeltnismaessig kommt mir aber vor wie das Ergebnis des Vergleichs fuer manche hier ausfaellt: momentan in Mitteleuropa wie in Indien/arabischen Laendern/anderen Entwicklungslaendern das gleiche 'Sklaventum'?  Aber sonst geht's noch, ja?

Surfy

« Antwort #8 am: 27. November 2014, 10:43 »
Dazu sind Diskussionen ja da. Die eingen Thesen und Vorstellungen mit anderen zu beleuchten, zu verbessern oder zu verwerfen  :)

http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion

Durch die in teilen Europas ausgeprägte Grundabsicherung wie Harz4 / Sozialhilfe kann die These des Lohnsklaven nur schlecht gehalten werden, denn man kommt auch ohne Arbeit über die Runden. Zumindest gibt es genügend Menschen die aufzeigen dass das geht  :)

Surfy

austria

« Antwort #9 am: 28. November 2014, 19:45 »
Um dem ganzen mal ein wenig die Spitzen zu nehmen, möchte ich etwas klar stellen. Die ursprüngliche Antwort von Michael7176 war von vorne herein komplett falsch verstanden. Ich habe mit keinem Wort behauptet, in Europa gäbe es einen Sklavenhandel wie in den bspw. VAE. Mein Fehler, dass ich das nicht direkt aufgegriffen und klar gestellt hatte.
Diskussionen im Netz bekommen sehr schnell eine Eigendynamik, die mit dem ursprünglichen Sinn nicht mehr viel gemein haben. Dass ich mich überhaupt darauf eingelassen habe, da bin ich mir untreu geworden. Blitzschnell ist man dann gebrandmarkt als jemand, der indische/arabische Verhältnisse in D/Ö/CH sieht - Blödsinn, habe ich nie behauptet, noch nicht mal ansatzweise. Meinungen zu äußern, Verhältnisse zu beschreiben (die ich mir nicht aus den Rippen schneide) muss erlaubt sein. Gegenrede ist gerne gesehen, aber Verunglimpfungen sind einfach nicht mein Ding. Diskussion kann und darf hart sein, aber jemanden als "dumm" zu bezeichnen, ohne sich mit ihm vorher auseinanderzusetzen, ist schwach.

In diesem Sinne.

Michael7176

« Antwort #10 am: 28. November 2014, 23:04 »
Da dürftest Du kein Land dieser Erde mehr besuchen. Die Menschen hier haben sich nur an ihre Sklaverei gewöhnt, aber es ist und bleibt Sklaverei. Ich könnte unendliche Beispiele nennen.
Ich gebe dir aber recht, wenn Du damit meinst, daß die Bedingungen der Sklaverei schlimmer sind als bei uns.


Was kann man denn da falsch verstehen?!  ::)

Ich glaube eher, dass du einiges nicht richtig verstehst. Ich habe dir versucht zu erklären, warum ich deine Aussage, es gäbe "auch bei uns" Sklaverei, als falsch ansehe. Ein Sklave ist nicht Herr über sein Schicksal ist. Er hat keine Kontrolle über sein Leben. Das sehe ich hier, mit extrem viel Phantasie, höchstens bei Minderjährigen, Strafgefangenen oder entmündigten Personen verwirklicht. Das sind alles aber keine Sklaven. Dich hat auch niemand als dumm bezeichnet. Der Vergleich der Ausbeutung von Gastarbeitern in den VAE (Sklaverei gibt es da übrigens offiziell auch nicht) mit hier herrschenden Arbeitsverhältnissen wurde als dumm bezeichnet. Wer verunglimpft dich? Ich lese in keinem Beitrag eine Beleidigung.
Du scheinst wohl eher ein Problem damit zu haben, dass du nicht so sonderlich viele Anhänger für deine Thesen gefunden hast. Mit dir zu diskutieren, bringt, glaube ich, aber auch nicht so viel. Ich könnte jetzt sogar versuchen, dir zu erklären, dass der von dir vorgebrachte Vergleich zwischen arabischer (Arabien ist übrigens sehr groß) und indischer Ausbeutung ebenfalls ziemlich hinkt. Da spielen schon alleine kulturelle und religiöse Unterschiede eine erhebliche Rolle. Ich könnte versuchen, dir meine Sicht unserer Welt momentan, zu erläutern, über dies und das zu philosophieren und meine Meinung zu diversen Themen zu sagen. Da könnte ich schreiben bis ich eine Sehnscheidenentzündung bekomme. Da habe ich aber keinen Bock drauf. Ich komme gerade von einer sehr ermüdenden Fortbildung zurück. Und Montag muss ich wieder los (Ist das auch schon Sklaverei?  ;D) Mein Wochenende möchte ich genießen.
Gute Nacht.

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