Thema: Meine große Resteverwertung: Asien, OZ, Südsee, NZ, SA, Antarktis, Karibik, Afri  (Gelesen 20967 mal)

GschamsterDiener

Zusammenfassung und Fazit zur Antarktis:

19D/18N an Bord der Hondius. Die Route im Groben war: Beagle Channel/Seetag (1,5d)- Falklands (1,5d)-Seetage (2,5d)-South Georgia (4d)-Seetage (1,5d)-South Orkneys (0,5d)-Seetag (1d)-Antarctic Peninsula (3,75d)-Seetage = Rückkehr über die Drake Passage (2,25d).

Ich habe ca. 10 Tage vor Start des Cruise für 12,5k$ ein Bett in der 4er-Kabine gebucht. Mit Trinkgeld (freiwillig) und Spende an den South Georgia Fund (ich habe einen Kochkurs an Bord für 250 GBP ersteigert) hat mich die Expedition dank schwachem Dollarkurs ca. 11k EUR gekostet.

Ich bin ja eher nicht so der emotionale Typ und habe nach vielen Reisen eine recht hohe Begeisterungsschwelle entwickelt, aber die Antarktis war eine meiner absolut besten Reiseerfahrungen und die hohe Ausgabe definitiv wert. Eine Traumreise.

Was passiert so, wenn man am Schiff ist: Das war meine erste Kreuzfahrt, insofern war ich überrascht über das hohe Level des Angebots an Bord. Tägliche Reinigung der Kabinen, drei überraschend gute Mahlzeiten (meistens Buffet, manchmal 3-Gang-Menü) und Snacks dazwischen, Tee und Kaffee so viel man will. Da fragte sich der notorische Backpacker nach Jahren in versifften Absteigen, wieso er so etwas nicht viel früher gemacht hat, ist doch viel bequemer. Internet ist überraschend schnell und stabil und man hat 1.5GB täglich gratis. An Seetagen gibt es regelmäßige wissenschaftliche Vorträge – 30% ausgezeichnet, weitere 40% gut. Die Vorträge werden von den Guides gehalten. Die ca. 16 Guides sind ein illustrer internationaler Haufen von Spezialisten. Beispiele: Wir hatten einen Dr. der Glaziologie, einen Dr. der Veterinärmedizin, eine Falklanderin in 8. Generation, einen Veteranen des Falklandkrieges, Vogelkundler, die Jahre auf Südgeorgien verbracht hatten, etc. Die Guides operieren auch die Zodiacs (kleine Gummiboote) und schauen bei Anlandungen, dass die chinesischen Passagiere keine Pinguine mitnehmen, etc.

Was passiert außerhalb des Schiffs: man ist entweder an Land oder (wenn die Personenzahl an Land limitiert ist oder eine Anlandung wegen Wetters nicht möglich ist) man cruist im Zodiac herum. Ich war zunächst kein großer Fan der Zodiacs, weil es bei Fotos wackelt und man in Südgeorgien aus dem Wasser weniger sieht als an Land und es kalt ist. Aber ich wurde ein großer Fan von Zodiacs in der Antarktis, weil man da sehr nahe Robben und – natürlich! – Wale rankommen konnte.

Die Highlights in loser chronologischer Reihenfolge:
1. Saunders Island (Falklands): ich fand die Falklands insgesamt nett, aber am wenigsten interessant – mit Ausnahme von Saunders Island. Hier gibt es neben mehreren Arten von Pinguinen eine große Brutstätte von Albatrossen.
2. Alle Anlandungen in Südgeorgien: Riesige Kolonien von Königspinguinen (100tausende); verspielte Fellrobben; Seeelefanten mit ihren wunderschönen großen Augen; junge Seeelefanten-Männchen, die sich ausprobieren; Besuch von ehemaligen Walstationen Marke Lost Places, insbesondere Grytviken bei perfektem Sonnenschein, wo die Fauna die Kontrolle über vor sich hin rostende Mordmaschinerie übernommen hat – sensationell photogen.
3. Vom Schiff aus Wale beobachten, teils von der für alle offenen Brücke aus. An einem Abend, als wir durch einen Kanal gefahren sind, haben wir wahrscheinlich über 100 Buckelwale in einer Stunde gesehen. An einem anderen Tag haben wir ca. 20 Orcas entdeckt, die einen Finwal erlegt haben und konnten 20 Minuten lang die Action vom Schiff aus verfolgen.
4. Die Schönheit der Antarktis: Sonnig, windstill, die Szenerie spiegelt sich im glatten Wasser wider.
5. Die Zodiac Cruises in der Antarktis: Buckelwale teilweise weniger als einen Meter vom Gummiboot entfernt, Leopardenrobben, die dich vom Wasser aus auschecken, ein Orca direkt unter dem Boot. (Ich war leider nicht in einem der Boote, vor denen ein Buckelwal ca. 20x pirouettenhaft aus dem Wasser sprang.)
6. Das Wetter: Wir hatten echt Glück. Nicht mal in der berüchtigten Drake Passage hatten wir signifikanten Wellengang. Südgeorgien war teils sonnig, teils konnten wir leider nicht anlanden, die Antarktis war perfekt.

Die Lowlights:
1. Eigentlich nur die recht zähe Seepassage zwischen Falklands und Südgeorgien.
2. Evtl. noch ein paar der Zodiacfahrten in Südgeorgien.

Was hätte ich im Nachhinein anders gemacht: Ich hatte als Puffer 2 Nächte Buenos Aires + 2 Nächte Ushuaia vor dem Cruise und eine Nacht in Buenos Aires nach dem Cruise gebucht und konnte damit meinem Hobby, der Mißbilligung Argentiniens, ausgiebig fröhnen. Dieser große Puffer war aber im Nachgang überhaupt nicht notwendig. Ich würde im Nachhinein jeweils eine Nacht in BA und Ushuaia streichen. Zudem würde ich von BA nach Ushuaia die deutlich günstigeren Flugtickets von Flybondi buchen anstatt mit Aerolineas Argentinas zu fliegen, die sehr teuer und regelmäßig verspätet sind.

Bei Fragen: gerne.
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dirtsA

Klingt nach einem tollen Erlebnis!! Schön, dass alles so gut geklappt hat und der Preis es auch wirklich wert war.
Stellt sich nur die Frage: Welche Kreuzfahrt kommt als nächstes? ;)
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GschamsterDiener

Klingt nach einem tollen Erlebnis!! Schön, dass alles so gut geklappt hat und der Preis es auch wirklich wert war.
Stellt sich nur die Frage: Welche Kreuzfahrt kommt als nächstes? ;)

Ich habe mir mal die Arktis angesehen, allerdings muss ich noch herausfinden, ob das auf eigene Faust nicht auch (günstiger und flexibler) ginge – Svalbard, Grönland, etc.

In die Antarktis muss ich nicht nochmals, bei aller Liebe. Das wäre ja kein neues Erlebnis mehr.

Evtl. wäre auch noch eine Karibikkreuzfahrt interessant zum Abhaken der Kleinstaaten, wenn es mir wieder nach Abhaken und Kleinstaaten gelüsten sollte.
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GschamsterDiener

Unser Schiff für die 10-Tage Kreuzfahrt war die Fragata, die zwischen Budget und Tourist liegt - gefühlt eher im Budgetbereich :D

Im Übrigen habe ich auch die Fragata gebucht, nicht zuletzt, weil es für dich insgesamt okay war und die Alternative "Golondrina" zwar deutlich günstiger, aber auch schlechter reviewt war. Die 8D/7N-Tour (8C) startet übermorgen am Vormittag und deckt die Inseln östlich von Isabela ab. Da ich aber bereits gestern gelandet bin, habe ich die Fähre nach Isabela genommen, um ein bisschen selbständig zu erkunden. Bislang habe ich eigentlich nur mit der Transportmafia zu tun gehabt, dafür ist das Essen besser und günstiger als in Chile.
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Derevaja

Zitat
Im Übrigen habe ich auch die Fragata gebucht, nicht zuletzt, weil es für dich insgesamt okay war und die Alternative "Golondrina" zwar deutlich günstiger, aber auch schlechter reviewt war.

Ich hoffe du wirst eine ähnlich gute Zeit auf der Tour haben wie wir sie letztes Jahr hatten :) Ich hatte die Golondrina damals auch vor Anker liegen gesehen und die Fragata bietet doch deutlich mehr Raum und entsprechend Komfort.
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GschamsterDiener

Zusammenfassung und Fazit zur Carretera Austral (Ruta 7)

Die Carretera Austral (CA) wurde mir vor 12 Jahren von meinen chilenischen Freunden ans Herz gelegt: wild, abgelegen, wunderschön. Die CA verläuft von Puerto Montt bis Villa O’Higgins, ist ca. 1.200km lang und verbindet viele Nationalparks des chilenischen Patagoniens. In dieser Gegend wohnen in Summe 100.000 Menschen, die Hälfte davon in Coyhaique, der einzigen richtigen Stadt, die strategisch günstig in der Mitte der CA liegt.

Man kann die CA per Fahrrad, per Hitchhiking, mit viel Geduld mit Bussen und Fähren machen – oder natürlich mit dem Auto. Camper sind in Chile sehr teuer, Mietwägen gehen preislich (ca. 50 EUR) und man findet problemlos über Booking und vor allem AirBnB okaye Unterkünfte von Bano compartido (ca. 25 EUR) bis Cabana mit eigener Küche und Bad (ca. 50-60 EUR). Da Restaurants in dieser Ecke ziemlich teuer und schlecht sind (einfaches Mittagessen 15-20 EUR), die Lebensmittel dafür recht günstig, empfiehlt es sich immer etwas mit Küchenzugang zu buchen - do the math!

Wenn man Einwegmiete und Routenführung über Argentinien ausklammert, gibt es eigentlich nur 2 Varianten, wie man die CA angehen kann: Nord-Süd-Nord mit Start- und Endpunkt Puerto Montt oder Mitte-S/N-Mitte-N/S-Mitte mit Start- und Endpunkt Coyhaique. Wenn man etwas googlet, wird auch eine Variante von O’Higgins aus (S-N-S) erwähnt, aber ich frage mich, wie das gehen soll und wieso man sich das antun sollte. O’Higgins ist eine frontier town mit 2 Flügen pro Woche von Puerto Montt, wo Einheimische priorisiert werden. Mir wäre auch nicht klar, ob man sich dort überhaupt ein Auto mieten kann.

Nach etwas Überlegen entschied ich mich für die Variante von Coyhaique aus. Der Grund war, dass die Strecke von Puerto Montt aus ziemlich bald 3 teils längere Fährstrecken beinhaltet, und manche Fähren muss man in der Hochsaison im Voraus buchen. Ich entschied mich, diesen Abschnitt nicht zu machen und mir damit 6 Fährfahrten (= teuer, unflexibel, lange Wartezeiten) zu sparen. Damit konnte ich es in 15 Tagen teils gemütlich angehen und trotz wechselhaften Wetters unter Ausschöpfung von Backup-Tagen alles abklappern, was ich geplant habe.

Die grobe Route war wie folgt: Von Coyhaique in den Norden, Besuch von Pumalin NP und Queulat NP. Der Norden ist weniger spektakulär als der Süden, hat dafür zu 80% asphaltierte Straßen. Queulat ist ein hängender Gletscher mit einem Wasserfall und dadurch recht ikonisch, weswegen man seot Kurzem limitierte Tickets im Voraus buchen muss, was viele nicht wissen (ich habs mir dann erst auf dem Rückweg ansehen können). Im Pumalin NP kann man zum Chaiten Vulkan raufgehen und hat ein schönes Panorama. Sonst gibt es noch 2nd tier Wanderungen und es war einiges wegen Instandhaltung gesperrt, was mich interessiert hätte. Im Norden war ich 5 Nächte, aber es hätten 3-4 locker ausgereicht. Das Wetter war im Norden sehr gut; Sonnenschein bei 20-25 Grad, die Strecke ist immer grün, häufig aber nicht so spektakulär wie gedacht. Die Straßen sind zu 75% asphaltiert.

Im Süden war meine Strecke: Coyhaique - Cochrane (2N; von dort Patagonia NP) – Caleta Tortel (1N; auf Stelzen und Stegen gebautes Holzfällerdorf, das man erst seit 20 Jahren mit dem Auto erreichen kann) – O’Higgins (2N; Ende der Carretera Austral) – Puerto Rio Tranqilo (1N; Kayak zur Catedral de Marmol) – Chile Chico (2N; von dort Jeinimeni NP) – Fähre von Chile Chico (2h) nach Villa Cerro Castillo (2N; von dort Cerro Castillo NP) – Rückfahrt zum Flughafen Coyhaique, Rückgabe Auto ohne Vorkommnisse. Die Straßen im Süden sind ab Cerro Castillo zu 80% unpaved, allerdings kann man meistens trotzdem 60-80km/h fahren. Das Wetter im Süden war leider zum Teil ein Spielverderber, und wenn das Wetter in Patagonien nicht passt, macht es nicht mehr so viel Spaß.

Die Highlights:
1. Laguna Castillo: 1300m Aufstieg wird mit schönen Panoramen und dem Blick auf die spektakuläre Laguna belohnt – Prädikat Torres del Paine.
2. Patagonia NP: Habe den Lagunas Altas Trek (22km als Loop) dieses recht neuen NPs gemacht. Man sieht Guanakas und geht an mehreren Seen vorbei. Schöne Panoramen. Nichts hier ist top tier, das Wetter war halt perfekt an dem Tag, da macht die Beinarbeit auch mehr Freude.
3. Die Straßenqualität (vor allem im Norden). Die unbefestigte Ruta 7 wird immer weniger unbefestigt und es war immer wieder eine positive Überraschung, wenn es mal wieder ein weiteres unerwartetes asphaltiertes Stück Straße gab.
4. Caleta Tortel: mal etwas anderes und ein schöner Ausblick
5. Cochrane, Chile Chico – beide Kleinstädte waren tolle Logistikhubs (abseits von Coyhaique) mit guten und preiswerten Übernachtungen, starkem Internet, Supermärkten, Wäschereien und den nettesten Hosts im Süden (aber vielleicht hatte ich einfach Glück).

Die Lowlights:
1. Die Fähre, die man benötigt, um nach O’Higgins zu gelangen, ist gratis, braucht für die Strecke von 6km ca. 45 Minuten, fasst 12 Fahrzeuge und ist in der Hauptsaison komplett überlastet. Das bedeutet lange Wartezeiten: Hinfahrt 3 Stunden, Rückfahrt 5 Stunden. Sehr unerfreulich.
2. Kosten der NP und tourism pricing: Eintritt in die NP is normalerweise für Ausländer 12 EUR pro Tag, es gibt keine Wochen- oder Monatstickets. Das summiert sich entsprechend. Tiefpunkt war Cerro Castillo mit 20 EUR, dafür erzählen dir drei unterschiedliche Personen dann, dass es oben windig ist. Danke für die essenzielle Information. Tourism pricing gilt übrigens auch für die Fähren.
2. Vielleicht auch wetterbedingt: Catedral de Marmol. Die Fotos sehen geil aus, die Realität ist trist, wenn es regnet. Und es hat stark geregnet. Das alles für 2 Formationen und eine Höhle, durch die man durchkayaken kann...
3. Bootsausflüge: Ich habe keinen einzigen Bootsausflug zu irgendwelchen Gletschern gemacht, weil ich die 150 EUR pro Nase nicht eingesehen habe - alles, was Recht ist.

Fazit: Es war schon okay, aber für mich nicht essenziell – anders als zum Beispiel Torres del Paine. Es war mal wieder so ein Ausflug, nach dem ich mich fragte, warum man sich das antun sollte, wenn man so etwas Ähnliches mit viel weniger Aufwand und wahrscheinlich sogar besser in Skandinavien oder definitiv besser und deutlich günstiger in Neuseeland bekommt. Das habe ich meinen lieben Freunden in Santiago natürlich nicht gesagt. ;)

Bei Fragen: gerne!
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