Thema: Ist es moralisch vertretbar in Länder mit diktatorischem Regime zu reisen?  (Gelesen 1194 mal)

Bella

Hallo zusammen,

ich wollte mal hören wie ihr zu obiger Frage steht. Hintergrund ist, dass ich überlege, in meine Route Nordkorea einzubauen. Unabhängig davon worauf man achten muss (kein selbstständiges Reisen möglich, Handy abgeben bei Einreise etc.) frage ich mich, ob es moralisch vertretbar ist, in Länder wie Nordkorea, Myanmar und wahrscheinlich noch einige andere, zu reisen. Wie ich das sehe, gibt es zwei Argumentationswege:

1. Wenn man in ein solches Land reist, unterstützt man das diktatorische Regime und trägt somit krass formuliert zur Diktatur bei. Irgendwo habe ich gelesen „man finanziert die Konzentrationslager mit“.  Wenn man also nicht zur Weiterführung der Diktatur beitragen will, soll man nicht in solche Länder reisen.

2. Wenn ich ein Land wie Nordkorea meide, damit die Diktatur kein Geld von mir bekommt, entspricht dies einer Embargo-Politik. Aber gerade Länder wie Nordkorea zeigen, dass eine Embargo-Politik nicht zum erwünschten Ziel führt: Seit Jahrzehnten boykottieren westliche Länder das Land, aber das einzige Ergebnis ist, dass die Bevölkerung bitterarm ist, was den Staat jedoch nicht davon abhält aufzurüsten und ihn schon garnicht dazu bringt seine Politik zu ändern.
Folglich erreiche ich garnichts damit, das Land zu boykottieren und kann genauso gut dorthin reisen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Geld, das ich ins Land trage, vom Staat nicht an die Bevölkerung weitergegeben wird. Aber immerhin mein (obligatorischer) Guide, dem ich ja Trinkgeld geben werde, hat was vom Tourismus, d.h. auch wenn der Staat das durch den Tourismus eingenommene Geld nicht an seine Bevölkerung weitergibt, haben wenigstens der Guide und seine Familie etwas davon, wenn ich in ihr Land reise.

Wie seht ihr das? Welche Argumentation ist „richtiger“?

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marica

Ich stehe vor genau der gleichen Frage, da ich mir überlege nach Myanmar zu reisen.
Momentan tendiere ich eher zu dem 2. Argumationsweg. Meine Entscheidung ist aber noch nicht gefällt, ich bin deshalb gespannt auf Beiträge zum Thema!  :)
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farmerjohn1

Meine Meinung dazu, aber das gilt natuerlich nur fuer Leute, die auch mal beobachten wollen, ohne nach kurzer Zeit an einem fremden Ort 'alles' zu wissen meinen: die Form, wie aktuell in einem Land Macht ausgeuebt wird, hat mit den jahrhunderte- oder gar jahrtausende alten Traditionen und Kulturen des betreffenden Landes nur bedingt und vor allem mit den meisten dort lebenden Menschen noch weniger zu tun. Ich wuerde das eher andersherum sehen, naemlich dass man dem Land, seiner Kultur und den meisten dort lebenden Menschen Unrecht tut, und dazu noch ihre Isolation unterstuetzt, wenn man - sofern Einreisegenehmigungen erhaeltlich sind - allein wegen einer Regierungsform nicht hinfaehrt. Ausserdem nimmt man sich die Chance, die tatsaechlichen Verhaeltnisse vor Ort persoenlich kennenzulernen, mit Leuten zu reden, zu sehen, wie sie leben - was vielleicht nicht immer bequem ist, aber doch dafuer umso aufschlussreicher.
Ob der Reisende auf solch einer Reise auch Leute finanziell unterstuetzt, die er nicht unterstuetzen will: wahrscheinlich ja. Aber erstens wuerde das nur bei grossen Massen von Besuchern ins Gewicht fallen, und zweitens: wo und auf welchem Gebiet gibt es vergleichbare Nebenwirkungen nicht?
 
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farmerjohn1

Mir sind noch ein paar Dinge zum Thema eingefallen:
erstens das Trinkgeld, das du dem Guide gibst: vermutlich wird ein offiziell bereitgestellter Guide nicht unbedingt ein Regimegegner sein, sonst duerfte er wahrscheinlich kein offizieller Guide sein - das ist ja an sich schon eine herausgehobene Position. Gesetzt den Fall, wir trauen uns wirklich zu, im Vorfeld ein moralisch einwandfreies Urteil darueber zu faellen, was in einem fremden Land und unter uns unbekannten Verhaeltnissen 'gut' und was 'boese' ist: ob man an dieser Stelle etwas 'Gutes' tut, waere zumindest nicht sicher.
Und zweitens: wenn ich lese 'handy abgeben'  usw., dann wuerde ich mich durch solche Massnahmen selbst im Mindestmass meiner Selbstentfaltung eingeschraenkt sehen und auch daran denken, dass ich ohne Handy (falls es denn ueberhaupt funktionieren wuerde) bei einem Ueberfall oder Unfall die Polizei und meine Verwandten nicht anrufen koennte.
An dem Punkt wuerde ich mir eine ganz andere Frage stellen als die nach der 'political correctness': naemlich ob der Zuwachs an Erfahrung und Wissen bezueglich des betreffenden Landes fuer mich gross und nuetzlich genug sein wird, um die betreffenden Nachteile in Kauf zu nehmen.
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CPT_CHAOS

Ich bin absolut dafür hinzureisen wenn möglich! Isolation bringt doch gar nichts - Diktaturen gedeihen unter Isolation am Besten. Wenn man reist hat man nicht nur die Chance andere Kulturen kennenzulernen - man selbst bringt auch immer seine eigene Kultur und Gedankengut mit und ist als Botschafter des eigenen Landes unterwegs. Warum stellt Nordkorea wohl einen Aufpasser zur Seite? Eben.

Nordkorea ist vielleicht ein krasses Beispiel, weil wahrscheinlich der faschistischste Staat den es momentan gibt und das mit dem ständigen Aufpassern würde mich eher nerven. Aber es gibt soviele andere Länder, die man dann nicht mehr bereisen könnte wenn man nicht in Länder mit diktatorischen Regime einreisen würde ---  und das wäre einfach schade für die Menschen dort und für die eigene Erfahrung auch. Poitik ist ja auch nur ein kleiner Teil der Reiseerfahrung - der Alltag der Menschen und die Landschaft und Geschichte ein viel grösserer und wichtigerer Faktor...
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