Thema: Eure Rueckschluesse aus den Reisen  (Gelesen 2152 mal)

farmerjohn1

« am: 16. März 2010, 16:13 »
Die meisten von Euch sind nun schon ganz schoen in der Welt herumgekommen, andere  werden es in Kuerze sein.
Welche Rueckschluesse zieht Ihr insbesondere im Zusammenhang mit der Frage, wie weit Toleranz zwischen Angehoerigen verschiedener kultureller Traditionen gehen sollte und wie diese Toleranz beschaffen sein sollte?
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Jens

« Antwort #1 am: 16. März 2010, 17:22 »
Jetzt muss ich hier mal nachfragen, was du eigentlich meinst??? Meinst du mit deiner Frage, ob die Toleranz zwischen den Kulturen so weit gehen kann, dass sich ein Reisende/r in eine Einheimische/r und umgekehrt verliebt???

Falls du das meinst, kann ich dir sagen, dass mich das schon so einige Arbeitskollegen gefragt haben. Hey, ich glaub, dass das fast nur Leute sagen, die noch keinen Kontakt zu Einheimischen hatten. Sind wir doch mal ehrlich, klar wird es solche Beziehungen geben die funktionieren, aber das wird nicht die Mehrheit sein. Vielmehr ist es doch so, dass das Leben kulturell und auch im Alltag ganz anders ist zwischen den zwei Personen. Im Urlaub ist alles toll, aber was im Alltag? Da prallen doch Welten aufeinander. Denk mal daran, Er kommt aus Deutschland und sie Tanzania, er ist in der westlichen Welt groß geworden - in einer Stadt mit einer richtigen Schule usw. aufgewachsen. Sie lebt auch in einer Stadt, aber da gibt es keine Schule so wir diese kennen, die Infrastruktur ist nicht so entwickelt, die Lebensumstände, die Prioritäten sind komplett anders! Daher gibt es bei diesen Personen auch ein ganz unterschiedliches Wertebild, da die Erziehung völlig anders waren. Ich denke, da könnte ich jetzt noch so einiges aufführen - aber jetzt schreib mal wie dein Thread gemeint war.
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Skraal

« Antwort #2 am: 16. März 2010, 19:29 »
Das iſt in der Tat eine ſehr breite Frage, bei der es ſchon intereſſant iſt, wie ſie jeder einzelne verſteht.

In der Tat habe ich auf meinen Reiſen einiges über Toleranz gelernt. Ich bin weitaus weniger überheblich, wenn es darum geht, zu entſcheiden, was richtig oder was falſch iſt.
Zu erleben, daß andere Menſchen eine fundamental andere Einſtellung zum Leben haben, hat mir einerſeits gezeigt, daß meine Einſtellung nicht die einzig richtige iſt und mir nur deſhalb ſo richtig und natürlich vorkommt, weil ich ſie gewohnt bin.

Ein Beiſpiel:
In Indien habe ich in einer Familie gewohnt. Beim Eſſen war es üblich, daß ich als Gaſt mit dem Hausherren und ſeinem Bruder am Tiſch gegeſſen habe. Seine Frau und Kinder durften erſt nach uns eſſen und die Bedienſteten durften ſich nichtmal an den Tiſch ſetzen, ſondern mußten auf dem Boden ſitzend eſſen.
Daran hatte ich durchaus zu beißen, denn daran iſt für meine Begriffe einfach alles falſch. Dennoch habe ich es toleriert, hauptſächlich, weil ich in der Diſkuſſion nichts erreicht hätte. Der Hausherr war ziemlich konſervativ und berief ſich auf eine 5000 Jahre alte Tradition.
Zum anderen war ich Gaſt, ſowohl im Haus als auch in der Kultur und wollte mich nicht als der beſſerwiſſeriſche Weiße aufſpielen. Schlußendlich iſt es nicht mein Kampf, ſondern der der Frau und Bedienſteten und ich kann als Reiſender die Hintergründe und Probleme nicht erfaſſen.

Beſonders wenn ich auf der „Durchreiſe“ bin, bin ich ſehr tolerant, ich denke, ſollte ich einmal in einer anderen Kultur leben, würde ich eher für „meine“ Werte kämpfen.

Anſonſten gilt der Satz, den meine Geſchichtslehrerin immer zitiert hat (von wem weiß ich nicht): „Meine Freiheit endet an der Freiheit des anderen.“
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farmerjohn1

« Antwort #3 am: 16. März 2010, 20:46 »
@Jens: zuerst hatte ich bei der Formulierung der Frage an Deutschland selbst gedacht, insbesondere an einen Text von Josef Joffe  in der ZEIT vom 12.03.10 mit dem Titel 'Wo endet Toleranz?', in dem er zwei Fehlinterpretationen benennt: einerseits die Toleranz gegenueber selber Intoleranten und zweitens die Aufklaerung als 'Fundamentalismus'.
Mich beschaeftigt vor allem eine Frage, und dazu moechte ich Meinungen von erfahrenen Reisenden hoeren, denn ich komme selber zu keiner abschliessenden Antwort: Die Aufklaerung, also das Einsetzen des eigenen individuellen Verstandes, ist natuerlich wesensgemaess nicht fundamentalistisch. Aber was ist nun, wenn der Verstand zum Mass aller Dinge gemacht wird - ist es die einzige Moeglichkeit, um nicht in Barbarei zu verfallen, oder ist es DOCH fundamentalistisch, indem man alles, was dem Verstand nicht zugaenglich ist, unbeachtet laesst?
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Jens

« Antwort #4 am: 16. März 2010, 21:29 »
Hallo Farmerjohn,

hmm die Frage mit der Tolleranz ist nicht so einfach eine richtige Antwort zu finden. Wie Skraal schon mit seinem Beispiel aus Indien angemerkt hat, sind dort ganz andere Wertevorstellungen vorhanden. Diese Wertevorstellungen bekommt jeder von seinen Eltern vorgelebt und nimmt sie mehr oder weniger auf. Dazu kommt noch, dass es oft an Bildung fehlt und die Menschen sich gar nicht damit beschäftigen.....warum auch, das ÜBERleben ist in einigen Ländern schon schwer genug. Aber da sind wir schon in Deutschland angekommen, wer beschäftigt sich mit der Frage "was sind meine Wertevorstellungen und stimmen die überhaupt?". Wie oft hinterfragst du dich, ob die Situation angemessen war oder nicht; wie oft tollerierst du eine andere Meinung????
Ich habe fast zehn Jahre in einer Führungsposition gesessen und bin am Ende fast kaputt gegangen. Es lag nicht an mir, sondern vielmehr daran, dass ich festgestellt habe, dass sich keiner meiner Mitarbeiter mal selber reflektiert, nein das wäre ja Arbeit gewesen und dann könnte die noch unangenhm auffallen.
Tolleranz entsteht, wenn eine Person sich in die Situation der anderen Person reinversetzt und probiert seinen Standpunkt zu verstehen. Nun muss diese Person nicht bekehrt werden oder das annehmen was der andere meint, aber er kann es tollerieren. Genauso geht das in der Religion vor sich und überall im Leben.....
Aber was ist nun, wenn der Verstand zum Mass aller Dinge gemacht wird - ist es die einzige Moeglichkeit, um nicht in Barbarei zu verfallen, oder ist es DOCH fundamentalistisch, indem man alles, was dem Verstand nicht zugaenglich ist, unbeachtet laesst?
Hmm schwere Frage, aber ich denke, dass der Verstand auch noch durch andere Faktoren beeinflusst wird, z.B. Gefühle und wenn deine Wertevorstellungen so tief in dir (oder jeder anderen Person) gefestigt sind, dann wird sich die Einstellung zum Thema XYZ nicht mehr ändern und dann sind diese Werte für diese Person FUNDERMENTAL.

Ich hoffe, dass ich mich halbwegs verständlich ausgedrückt habe. Bin mal gespannt was da noch so kommt......
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tinibini

« Antwort #5 am: 17. März 2010, 11:23 »
oder ist es DOCH fundamentalistisch, indem man alles, was dem Verstand nicht zugaenglich ist, unbeachtet laesst?

Per Definition IST es fundamentalistisch.

Ich selbst fände es schwer, in der von Skraal beschriebenen Situation tolerant zu sein - da kommt mein "aufgeklärter, westlicher Verstand" durch und mir sträuben sich die Nackenhaare... Aber woran erkenne ich selbst, ob sich da in mir die Vernunft regt oder übertriebener Bekehrungseifer?
Daher: Solang ich nur Reisende(r) bin und nicht mehr verstehe als ich durch diesen kurzen Einblick in die Kultur erfassen konnte, muss ich doch, auch wenn ich es nicht tolerieren kann, es zumindest dulden und meinen Mund halten.

Oder??

EDIT:
Mann, das ist echt schwer.... je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger klar ist mir die Antwort...  :-\
Ich persönlich habe eh einen starken Missionierungshang. Und "dulden" hat den Beigeschmack von Feigheit! Augen schließen, Sachen packen und weiterreisen? Kann man vielleicht wenigstens einen winzigen, ideellen Beitrag leisten?
Andererseits kann ich doch nicht die Welt bereisen mit meinem westlichen Maßstab im Gepäck!
Und hier fange ich an, im Kreis zu reden, also sind jetzt andere dran. Bin gespannt auf die Diskussion!
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Jens

« Antwort #6 am: 17. März 2010, 13:03 »
Andererseits kann ich doch nicht die Welt bereisen mit meinem westlichen Maßstab im Gepäck!
Und ich denke, dass ist doch die Frage, die dahinter steht! Woher weisst du so genau, dass der "westlichen Maßstab" der Richtige ist??? !
Ich denke, dass nach meiner Erziehung und den daraus hervorkommenden Werte unser westliche Maßstab der Richtige ist, aber in einer anderen Kultur ist das für den Anderen nicht so. Ich denke, dass wir das als "Reisende" akzeptieren müssen, da wir nicht zum Aufklären und Bekehren in das Land fahren. Ich meine, es wäre was anderes, wenn du in diesem Land lebst und den Kopf nicht in den sand stecken willst, dann kannst du versuchen deine Meinung kund zu tun. Jedoch wirst du dann auch auf Probleme stoßen, da du nicht in der Kultur aufgewachsen bist und jetzt etwas gegen diese Kultur vorschreiben/vorbringen willst. Hmm, stell dir das mal gerade anders herum vor in Deutschland........  :-\
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tinibini

« Antwort #7 am: 17. März 2010, 14:51 »
Andererseits kann ich doch nicht die Welt bereisen mit meinem westlichen Maßstab im Gepäck!
Und ich denke, dass ist doch die Frage, die dahinter steht! Woher weisst du so genau, dass der "westlichen Maßstab" der Richtige ist??? !

Das ist doch klar, dass es keinen "richtigen Maßstab" geben kann! Daher ist DAS auch nicht die Frage. Sondern eher: Wie tolerant kann ich sein, wenn ich es nicht verstehe?

Guck mal was Skraal schreibt:
Zitat
Schlußendlich iſt es nicht mein Kampf, ſondern der der Frau und Bedienſteten (...) Beſonders wenn ich auf der „Durchreiſe“ bin, bin ich ſehr tolerant, ich denke, ſollte ich einmal in einer anderen Kultur leben, würde ich eher für „meine“ Werte kämpfen.
- ist das tolerant oder ignorant?? (Nix für ungut Skraal! Ich verstehe was Du meinst.)
Da mir hier (in dem beschriebenen Beispiel) jedes Verständnis abgeht, bin ich dann Fundamentalistin?

Und die Eingangsfrage von farmerjohn ist ja, wie weit Toleranz überhaupt gehen sollte. Wann muss, kann, und wann darf man nicht tolerieren?

Persönlich bin ich noch nicht so weit aus meinem Kulturkreis herausgekommen, werde es ja aber bald. Da möchte ich auch gern wissen, wie andere Reisende das handhaben.
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Skraal

« Antwort #8 am: 17. März 2010, 15:31 »
Der „Weſten“ hat eine lange Kolonieſierungsgeſchichte, in der es immer auch darum ging, anderen die eigene Normalität (aka Ziviliſation) aufzudrängen und das ſchlechte Gewiſſen, das aus dieſer Geſchichte ­­− zu recht − reſultiert, führt zu der Frage, ob wir „weſtliche“ Werte der Welt aufdrängen dürfen.
Dabei iſt die Bezeichnung „weſtlich“ für dieſe Werte ſchlecht, weil wir bei einer ſolchen Benennung an Herkunft denken und nicht an den Ort, wo ſie gelten. Dieſe Werte heißen nicht weſtlich, weil ſie aus dem Weſten kommen, ſondern weil ſie hier gelten.
Die Idee religiöſer Toleranz und Rechtsſtaatlichkeit gab es ſchon im alten Ägypten und Babylon. Desweiteren gibt und gab es in jeder Kultur Menſchen, die für „weſtliche“ Werte kämpfen, auch hier im Weſten. Es hat in Deutſchland zum Beiſpiel bis 2002 gedauert, bis die „weſtlichen Werte“ ſich gegen die „Tradition“ durchgeſetzt hatten und ein Mann ſeine Frau nicht mehr einfach verprügeln konnte (bzw. dies durch ein Geſetz endlich sanktioniert werden konnte).

Um im indiſchen Beiſpiel zu bleiben, eines der Hauptanliegen des Buddhismus, des Sikhismus und einer der Gründe, warum der Iſlam einen ſo großen Zulauf hat(te), iſt die Abſchaffung des Kaſtenweſens, woraus ſich ergibt, daß der Bedienſtete auf dem Boden eſſen muß.
Der Buddha hat alſo die Gleichheit der Menſchen ſchon im 5. Jahrhundert vor Chriſtus gefordert, während die Griechen, auf deren Demokratie wir uns ſo ſtolz berufen, ſich Sklaven hielten und eben nicht jeden wählen ließen. Iſt Gleichheit damit ein „weſtlicher“ oder ein „öſtlicher“ Wert?

Ich denke weder noch. Es ſind Werte für die der Menſch kämpfen muß. Sie mußten auch hier im Weſten gegen die Tradition ſehr blutig erkämpft werden.

Zur Aufklärung:
Farmerjohn1, Du ſchreibſt
Zitat
st es DOCH fundamentalistisch, indem man alles, was dem Verstand nicht zugaenglich ist, unbeachtet laesst?
Da ſtellt ſich zunächſt die Frage, was denn dem Verſtand nicht zugänglich ſein könnte?
Die Aufklärung geht davon aus, daß der Menſch verſtehen kann, und daß er allein dadurch verſtehen kann, daß er ſich ſeines Verſtandes bedient. Er erlangt Wiſſen, denkt über dieſes Wiſſen nach und kommt ſo zu Erkenntnis. Er hinterfragt, glaubt nicht einfach, was man ihm ſagt und er erlangt Erkenntnis unter dem Vorbehalt, daß es weiteres Wiſſen gibt, daß ihn zu einem anderen Schluß kommen läßt.
Und das iſt der Unterſchied zum Fundamentaliſmus. Der Fundamentaliſt weiß, wie die Welt iſt, der Aufgeklärte denkt, er weiß, wie die Welt iſt.

@tinibini:
Eigentlich heißt tolerieren dulden. Ich ſehe da keinen Unterſchied. Wenn ich toleriere, daß andere an Gott glauben, dann heißt das nicht, daß ich es annehme oder gut finde, ſondern nur, daß ich ſie nicht einſperre, verprügle oder umbringe, weil ſie an etwas glauben, daß es meiner Meinung nach nicht gibt.
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tinibini

« Antwort #9 am: 17. März 2010, 17:02 »
"Toleranz" klingt für mich positiv, "Duldung" eher negativ behaftet. Ist aber vielleicht persönliches Empfinden.
Was ich mit tolerieren meine ist, etwas "in Ordnung finden" - nicht für sich selbst lebbar, aber okay wenn andere es tun. Mit "Dulden" meine ich hingegen, etwas eben nicht in Ordnung finden und es trotzdem nicht zu ändern.
Ich hoffe ihr versteht was ich meine....

Das Paradebeispiel für diese Diskussion ist doch Rüdiger Nehberg. http://www.ruediger-nehberg.de/index.html Der bereist die Welt, erklärt sich zum Kämpfer für die Menschenrechte und bekommt sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen. Klar, wir in Deutschland finden dieses Engagement toll - in Afrika wird ihm dafür wohl (noch?) niemand einen Preis verleihen.

Meine Interpretation zur Sache mit dem Verständnis: Für meinen Verstand ist es richtig, dass Frauen und Männer, Schwarze und Weiße, usw., grundsätzlich gleiche Rechte haben. Jetzt ist mir natürlich klar, dass es andere Kulturen gibt, in denen das nicht gilt. Das habe ich gehört, gesehen, gelesen. Um es zu verstehen, müsste ich mich nun in die Lage versetzen können, es richtig zu finden, dass Frauen und Kinder als zweites essen und die Angestellten auf dem Boden sitzen müssen. Dafür muss ich keine Hintergründe beleuchten, sondern den Ist-Zustand verstehen.
Mag sein dass ich das falsch verstanden (hihi) habe. Aber sonst wäre es ja wie Skraal sagt, dann kann ja jeder alles verstehen!
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farmerjohn1

« Antwort #10 am: 18. März 2010, 01:26 »
OK, dass wir alle von den Wertevorstellungen moderner westlicher Staaten gepraegt sind, ist zunaechst  eine Gegebenheit. Um nicht in Besserwisserei zu verfallen, koennen wir zwar lernen, das zu erkennen und diese Praegung von unserem Erstaunen vor anderen Kulturen 'abziehen', aber wir koennen unseren Kulturschock nicht vermeiden.
Aber abgesehen davon stellt sich die Frage, die schon (von Skraal, glaube ich) formuliert wurde: Was ist der Vernunft nicht zugaenglich? Das ist eine ganze Menge.  Zum Beispiel Emotionen, Ahnungen, Gedankenlesen, Empfindsamkeiten, Familiensinn, etc. Natuerlich kann sich die Vernunft mit solchen Gebieten auseinandersetzen und darauf eingehen, hat es ja getan und tut es noch. Zum Beispiel die Psychologie. Aber das Ergebnis ist ein anderes.  Ich meine: wenn ich in einem Vergnuegungspark bei Koeln in die Geisterbahn steige,  wo ich eine von Psychologen und Werbefuzzis erdachte Horrorwelt erlebe, dann erlebe ich etwas ganz anderes, als wenn ich Mittelamerika durchradle und spaet nachts bei der Ankunft in einem Dorf mit Guertel um den Hals und Pistole am Kopf ueberfallen werde. Oder ein anderes Beispiel: letztens war ich in Suedamerika alleine mit einem Kleinwagen unterwegs ueber Doerfer, wo ich fuer ein paar Tage Gast auf einer Finca turistica war. 6km Schotterpiste mit 700m Steigung vor dem Hotel traf ich einen, der dort arbeitete, mit 6 anderen Personen, die den einzigen Bus am Tag versaeumt hatten. Natuerlich musste ich die alle zur Finca mitnehmen, nur durch ein Wunder sind die Stossdaempfer nicht gekracht  und nur durch Glueck ist mir keiner von den Maennern hinten auf der Stossstange verunglueckt. Auf dem Weg haben wir drei Mal angehalten, einmal um 50kg Mangos zu pflucken, einmal wegen allgemeiner  Pinkelpause und ein drittes Mal, weil gerade ein Cousin eines Mitfahrenden auf seinem am Weg liegenden Bauernhof Zuckerrohrsaft einkochte, in den Kaese versenkt wurde. Dieser Kaese wurde uns als Apperitif gereicht. Haette ich mich vernuenftig verhalten, haette ich die Leute nie mitgenommen: einer von den Leuten haette ein Verbrecher sein koennen, ich habe das Auto dem Schrottplatz ein Stueck naeher gebracht, wir haetten verungluecken koennen und dann ein riesen Theater gehabt, auch war der Kaese sicher nicht nach Euro-Norm gefertigt. Der Tageszeitplan war fueralle Beteiligten im Eimer, denn das Ganze dauerte 4 Stunden. Die ganze Aktion war hochgradig bescheuert, aber der Tag war herrlich.
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Skraal

« Antwort #11 am: 18. März 2010, 08:25 »
Zitat
Zum Beispiel Emotionen, Ahnungen, Gedankenlesen, Empfindsamkeiten, Familiensinn, etc. Natuerlich kann sich die Vernunft mit solchen Gebieten auseinandersetzen und darauf eingehen, hat es ja getan und tut es noch. Zum Beispiel die Psychologie. Aber das Ergebnis ist ein anderes.

Ok, Gedankenleſen iſt Quatſch, aber der Reſt iſt der Vernunft doch abſolut zugänglich.
Ich kann zum Beiſpiel Kraft meiner Vernunft erkennen, daß ich Furcht habe. Nun kann ich mir anſchauen, wovor ich mich fürchte. Zum Beiſpiel davor, daß mir der Himmel auf den Kopf fällt, da dies ziemlich unwahrſcheinlich iſt, kann ich mich ſelbſt davor überzeugen, daß ich trotzdem ab und zu vor die Tür gehen kann und mich von dieſer Furcht nicht beſtimmen laſſen muß.

Und Dein zweites Beiſpiel zeigt, daß Vernunft kein Wert iſt, ſondern ein Werkzeug, um Situationen einzuſchätzen und zu bewerten und mit den eigenen Zielen zu vereinbaren.
Wenn Du ein Höchſtmaß an Sicherheit und möglichſt wenig von einem Land ſehen willſt, dann ſagt Dir die Vernunft weiterzufahren und kurze Zeit ſpäter in Deiner Finca zu ſein.
Wenn Du Leute kennenlernen und was erleben willſt, dann ſagt Dir Deine Vernunft, daß es ziemlich unwahrſcheinlich iſt, daß die ſechs Männer Verbrecher ſind, die jeden Abend den Bus verpaßen, damit ſie, falls ein Touriſt ſie mitnehmen ſollte, dieſen überfallen können. Hier erkennt die Vernunft, daß die Statiſtik auf Deiner Seite iſt.
Ich ſchätze mal, daß die Männer keine 80 kg gewogen haben, ſo daß die Stoßdämpfer wohl kaum gefährdet waren. (Wobei ich das Auto natürlich nicht kenne.)
Und wenn man ſich anſchaut, daß die ſich Menſchheit ſeit 50.000 Jahren ohne Euro-Norm ernährt, und Du ein Immunſyſtem haſt, dann war es auch nicht zu unvernünftig den Käſe zu eſſen.

Und vier Stunden eine gute Zeit und dann noch eine tolle Geſchichte, die Du Deinen Urenkeln noch erzählen kannſt, zu haben iſt beim beſten Willen nicht unvernünftig!

Vernunft heißt ja nicht, daß ich Emotionen, Ahnungen, Familienſinn usw. ein- oder ausſchalten kann, wie es mir gefällt, ſondern daß ich mich von ihnen nur ſoweit beherrſchen laſſe, wie ich es will.
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Flynn

« Antwort #12 am: 18. März 2010, 10:57 »
Und vier Stunden eine gute Zeit und dann noch eine tolle Geſchichte, die Du Deinen Urenkeln noch erzählen kannſt, zu haben iſt beim beſten Willen nicht unvernünftig!
Sicher kann das auch unvernünftig sein. Du vergisst ganz, dass Vernunft immer eine Einschätzung ist, die auf deinen ganz persönlichen und einzigartigen Erfahrungen und Werten beruht. Ein verängstigter Israeli, dessen Schwester beim Grenzkonflikt umgekommen ist, sieht die Sache komplett anders und wittert mehr Gefahr. Und statistisch ist daran gar nichts, denn es ist eine emotionale Ebene - diese "weichen Themen" lassen sich nicht mit Zahlen erklären, darum gibt's ja die Psychologie.

Was ich sehe ist, dass es nie DEN EINEN Wertecodex für alles und vorallem für alle Kulturen und Menschen geben kann. Es ist eher eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, den alle Menschen ausdebattieren müssen. Ist sogar schon geschehen, denn genau darum wurde auch damals die UN gegründet. Und genauso habe ich vor mich auch zu verhalten. Es gibt Dinge, die sind nicht zu tolerieren. Als Deutscher zählt da für mich besonders die Lehren aus dem 3. Reich dazu...
So bekackt und ausgelutscht das Thema oft ist, aber wir haben doch als Deutsche da irgendwie eine besondere Verantwortung. Wer wenn nicht wir, kann verdeutlichen wohin ein solcher Weg führt?

Natürlich muss man hier auch eine Grenze ziehen. Es liegt nicht in meiner Kompetenz irgendjemandem in Indien vorzuschreiben wo seine Frau isst beispielsweise. Aber was ich darf und auch muss (!!) ist, mir eine Meinung zu bilden und Stellung zu beziehen. Dass ich das natürlich nicht vor meinem Gastgeber mache und diese Stellung auch immer stark durch die Brille meiner "Heimatkultur" geprägt ist, ist klar. Aber das lässt sich weder abschalten noch ignorieren - Kultur ist ein riesiger Teil einer Person.

Ich hatte da mal eine Vorlesung zu und habe eine nette Veranschaulichung gehabt. Da gab's das Bild einer Kultur-Zwiebel - je mehr Schichten man durchdringt und in Frage stellt, desto heftiger werden die Reaktionen. Bei uns ist die Zwiebel aber eben auch vorhanden und tut weh ;)
Die beschriebene Situation in Indien ist eine Reaktion auf die Verletzung unserer Werte und erzeugt deshalb bei einigen heftige Reaktionen...

Fazit: mit offenen Augen durch die Lande ziehen, Meinungen bilden und Fragen stellen sind wichtig. Allerdings sind wir selbst auch in unserer Kultur gefangen und können nicht verlangen Anderen (vor allem in der Gastrolle) unsere Werte aufzudrängen. Aber wenn wir soweit sind diese Dinge zu begreifen, dann sind wir Mitten in der Völkerverständigung - wir hinterfragen uns nämlich auch selbst :)
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Jens

« Antwort #13 am: 18. März 2010, 11:26 »
Flynn, sehr gut! Kann ich voll unterstreichen deine Antwort!
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reindste

« Antwort #14 am: 14. September 2010, 20:41 »
Meinst du mit deiner Frage, ob die Toleranz zwischen den Kulturen so weit gehen kann, dass sich ein Reisende/r in eine Einheimische/r und umgekehrt verliebt???

Falls du das meinst, kann ich dir sagen, dass mich das schon so einige Arbeitskollegen gefragt haben. Hey, ich glaub, dass das fast nur Leute sagen, die noch keinen Kontakt zu Einheimischen hatten. Sind wir doch mal ehrlich, klar wird es solche Beziehungen geben die funktionieren, aber das wird nicht die Mehrheit sein. Vielmehr ist es doch so, dass das Leben kulturell und auch im Alltag ganz anders ist zwischen den zwei Personen. Im Urlaub ist alles toll, aber was im Alltag? Da prallen doch Welten aufeinander. Denk mal daran, Er kommt aus Deutschland und sie Tanzania, er ist in der westlichen Welt groß geworden - in einer Stadt mit einer richtigen Schule usw. aufgewachsen. Sie lebt auch in einer Stadt, aber da gibt es keine Schule so wir diese kennen, die Infrastruktur ist nicht so entwickelt, die Lebensumstände, die Prioritäten sind komplett anders! Daher gibt es bei diesen Personen auch ein ganz unterschiedliches Wertebild, da die Erziehung völlig anders waren. Ich denke, da könnte ich jetzt noch so einiges aufführen - aber jetzt schreib mal wie dein Thread gemeint war.

Sorry das ich mich jetzt erst einklicke und sogar nicht auf das Thema eingehe: Mich würde aber brennend interessieren ob irgendjemand hier schon mal verliebt war in eine/n Einheimische/n aus einem ganz anderen Kulturkreis, speziell Asien? Und was ist dann passiert, evtl. sogar gemeinsames Leben in Europa, oder aber dort geblieben, Aussteigertraum verwirklicht?

Vielen lieben Dank im Voraus für Eure Beiträge, Anregungen !! 

 
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