Thema: auf dem Landweg von Venezuela nach Kolumbien  (Gelesen 1327 mal)

moilolita

« am: 08. Januar 2016, 09:06 »
Hallo Zusammen,

ich wollte mal fragen ob von euch in letzter Zeit jemand von euch in Venezuela war. Wie habt ihr denn dort die Sicherheitslage empfunden?
Und seid ihr auf dem Landweg nach Kolumbien gereist? War das problemlos möglich?

Auf der Seite des Auswärtigen Amtes raten sie aktuell von Reisen speziell in Grenzgebiete ab. Außerdem können wohl Grenzen kurzfristig gesperrt werden…
Zudem gibt es eine „Deutschenliste“ der Botschaft… (hab mal gegoogelt wofür die gut ist – falls sich der Sicherheitszustand verschlechtert, könnte mit den Touristen Kontakt aufgenommen werden und ggf. evakuiert werden.

Eine Teilreisewarnung gibt es aber nicht…
Wie beurteilt ihr denn die Sicherheitslage?

VG
Manu
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ulmi

« Antwort #1 am: 10. Januar 2016, 12:28 »
Hallo Moilolita,

Ich war zuletzt 2012 in Venezuela und während meiner SA-Reise mehrmals in VEN. Seinerzeit waren Grenzübertritte zumindest an den Nicht-Risiko-Grenzen (einigermassen) sicher. Wie sich die Lage seither entwickelt hat, kann ich leider nicht sagen.

Über diese Länder wird ja immer wieder mal was Negatives bzgl. Sicherheit berichtet und entsprechende Fragen gestellt.
So eine richtig zufriedenstellende, sprich treffende, Antwort kann - so hab ich es empfunden - meist keiner geben. Ich behaupte mal, dass das auch gar nicht möglich ist, schon gar nicht aus der Entfernung und selbst wenn man vor Ort ist, lässt es sich doch schwer einschätzen, wie gefährlich es wirklich ist. Und am Schluss muss der Reisende selbst "nach Verstand" entscheiden bzw. vor Ort abchecken, wie es wirklich ist.

Eins kann ich Dir aber sagen: Nach meiner Erfahrung mit der Botschaft unseres Heimatlandes in Bolivien würde ich nicht unbedingt mehr besonders auf die hören.


Wann willst Du denn dort hin? Oder bist Du schon dort und möchtest über die Grenze nach KOL?

Hast Du Alternativen? Hast Du Erfahrung in SA, sprichst Du Spanisch? Ohne Dich unruhig zu machen: Bei den knapp 2,5 Jahren in SA kam mir Venezuela wirklich am heikelsten vor (die ein oder andere unsichere Situation habe ich auch direkt oder indirekt mitbekommen) und es ist in SA sicher mit am schwierigsten dort zu reisen.


Grüssle vom ulmi
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danyseo93

« Antwort #2 am: 10. Januar 2016, 14:54 »
Hey, ich bin seid 6. Dez. zurück aus Südamerika, Venezuela hab ich leider nicht besucht. Ich hab aber gehört das die Grenzen geschlossen sind von Venezuela was den Landweg angeht. Am besten ist wen du mal die Venezuelanische Botschaft deswegen anfragst.
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moilolita

« Antwort #3 am: 13. Januar 2016, 17:47 »
Hallo ihr Lieben,

danke für eure Antworten und Einschätzungen.
Ist ja schonmal interessant dass du es auf jeden Fall auch so empfunden hast, dass es doch eher heikel ist...  ::)

ja, wir sprechen ein bisschen spanisch, zumindest das nötigste und waren 2012 auch schonmal in SA unterwegs...
Wir wollen im Juli gern los, und haben an die Gran Roque Inseln gedacht... Danach wollten wir auf dem Landweg weiter nach Kolumbien. So wie sich aber aktuell die Sicherheitslage liest, bin ich mir da nicht so sicher.

Wenn man sich aber das Ranking der gefährlichsten Länder Südamerika ansieht, steht Kolumbien zusammen mit Venezuela auf Platz 1, und da rennt ja gerade quasi jeder hin :-)

hhmmm, mal noch überlegen, oder hat noch jemand anders Einschätzungen zu Venezuela?
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Vombatus

« Antwort #4 am: 13. Januar 2016, 18:03 »
Ja, würde mich jetzt auch mal interessieren. Berichte sind natürlich immer subjektiv und generell glaube ich, dass es nie so gefährlich ist, wie es oft zu lesen ist. Grundsätzlich würde ich empfehlen sich nicht verrückt machen zu lassen und soweit es das Bauchgefühl und Menschenverstand zulässt selbst ein Bild zu machen. Da ihr ja schon in SA unterwegs wart, wisst ihr, welche „Sicherheitsregeln“ einzuhalten sind.

Speziell bei Venezuele finde ich interessant wie die soziale Lage ist, nachdem der Erdölpreis im Keller ist und die staatlichen, sozialen Programme nicht mehr finazierbar sind. Das ist wohl der Brennpunkt in Venezuela.

Wenn man irgendwelche „Rankings“ ansieht kann man es gleich lassen und zuhause bleiben.
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moilolita

« Antwort #5 am: 14. Januar 2016, 08:36 »
Hallo Vombats,

das seh ich generell genauso. Ich bin auch kein Schisserchen oder mache mich verrückt, ich möchte aber - wie du schon sagst - ein Gefühl dafür kriegen ob ich aufgrund der Sicherheitslage dort hin will oder nicht... Denn mit Scheuklappen und einfach nur denken "ach mir passiert schon nichts" bringt ja auch nichts.
Deswegen möchte ich nur wissen wie es die Reisenden bisher empfunden haben...

Dass ich nicht aufgrund irgendwelcher "Rankings" entscheide, ob ich in ein Land fahre ist auch klar, finde es aber interessant. Und nur weil ich mir diese anschaue heißt es ja nicht dass ich gleich zuhause bleiben muss.
Ich finde es wichtig dass man sich im Vorfeld darüber bewusst macht wo man hin fährt.

Und aufgrund der sozialen Lage, die du bereits angesprochen hast, scheint wohl gerade in Venezuela die allgemeine Gewaltbereitschaft höher zu sein, als in den restlichen SA-Ländern. So konnte ich das bisher zumindest aus anderen Quellen raus lesen... Mich würde interessieren ob ihr das so empfunden habt?
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ulmi

« Antwort #6 am: 14. Januar 2016, 17:58 »
Nochmal ich. Mir kam Venezuela einfach am unberechenbarsten vor, obwohl ich auch aus Brasilien nicht wenige Negativ-Erlebnisse was Sicherheit angeht kenne. Vielleicht liegt es auch daran, dass verglichen mit Venezuela sowohl Kolumbien als auch Brasilien einfach "Touristenpfade" hat und das Reisen auf diesen Pfaden relativ geplant und sozusagen im "sicheren Strom" anderer Touristen ist. (wenn wir das mal als Indiz für relative Sicherheit nehmen). (Denn:)
In Venezuela hingegen ist selbst eine Reise zwischen Touristenorten wie der Isla de Margarita und Ciudad Bolívar (Nicht Flugzeug natürlich) (zumindest noch als ich dort war) nach wie vor ein Zusammengebastel aus Transportmitteln mit teils eher zweifelhaften Fahrern und auf einer Strecke, auf der man mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum einem Touristen begegnet. Es scheint also viel weniger dieser "gemütlichen Touristenpfade" zu geben.


Noch zu den Statistiken: Denke, man muss unterscheiden, zwischen Gewalt generell und Gefahr für Touristen.

Ohne nachzulesen, behaupte/schätze ich, dass in Brasilien pro Jahr mehr Menschen eines gewaltsamen Todes sterben als in Venezuela (prozentual gesehen natürlich).
Und Kolumbien leidet nach wie vor noch unter extrem komplexen und unübersichtlichen Gewaltstrukturen.
Beides hat mit der Sicherheit von Touristen m.E. (heutzutage) eher weniger zu tun.
Dass Kolumbien mittlerweile für Tourismus im Vergleich noch von vor 1-2 Jahrzehnten relativ gut und sicher zu bereisen ist liegt wohl daran, dass man es fertig gebracht hat, das Land für Touristen wieder sicher zu machen und hat mit eben der immer noch vorhandenen Gewaltbereitschaft in diesen Gewalt-Strukturen recht wenig zu tun.

Generell, ohne ein Fass von Vorurteilen aufzumachen und eine Ethik-Diskussion anzuzetteln, zählt ein Menschenleben in allen 3 Ländern einfach weniger, als anderswo auf der Welt und auch als anderswo in SA. Insofern wäre meine Einschätzung zu Deiner Frage zur allgemeinen Gewaltbereitschaft eher so, dass in den genannten Ländern der Unterschied nicht so groß ist. Was, so meine ich das ganze Geschreibsel, aber kein Maßstab für die Sicherheit von Touristen ist.

Was halt derzeit tatsächlich gegen Venezuela spricht ist, dass es dort sicher das Land mit der unruhigsten generellen Lage ist.

Zu Deiner Reise: Ist das Gran Roques nicht dieses Inselgebiet, was auch Nationalpark ist? Habe mich da nicht informiert, aber dort sollte es doch sicherheitstechnisch nicht so dramatisch sein, oder?

Willst Du dann in VEN überhaupt noch andere Sachen besuchen? Wenn nein, könntest Du doch per Flug nach Kolumbien!?

Eins noch: Ein in Venezuela lebender Deutscher hat mir zu Beginn meiner Reise (Juni 2010) gesagt, er überlege, ob er ins benachbarte Kolumbien ziehen soll, weil es dort sicherer sei...
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Susu

« Antwort #7 am: 16. Januar 2016, 06:15 »
Zur aktuelle wirtschaftlichen Lage in Venezuela gibt es heute folgenden Artikel auf zeit.de: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-01/venezuela-wirtschaft-notstand-nicolas-maduro

Lg, Susu
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moilolita

« Antwort #8 am: 19. Januar 2016, 16:02 »
Oh wow, danke Ulmi für deine Umfassende Einschätzung, und sorry dass ich mich erst jetzt melde. Die letzten Tage waren ziemlich stressig...

Ja, genau das ist der Nationalpark überhalb von Caracas, ich denke auch nicht dass es dort sicherheitstechnisch so dramatisch ist, wenn wir allerdings schonmal in der Gegend sind, hätten wir uns auch gern noch mehr von Venezuela angeschaut...
Kostet ja doch auch einiges, wenn man nur wegen ein paar Inseln nach Venezuela fliegt und danach gleich weiter in das nächste Land...

Und danke auch dir Susu, für deinen Link zu dem Artikel.
Unsere Tendenz geht jetzt eher dazu Venezuela raus zu lassen und statt dessen direkt nach Kolumbien zu fliegen. Vor allem unter dem Aspekt dass jetzt auch noch der Notstand ausgerufen wurde...

San Andres und San Providencia haben wir schon gesehen, drum werden wir wohl um den Tayrona Nationalpark starten. Erstmal möchten wir einfach nur abspannen und die Füße hoch legen...

Danke euch nochmal für eure Hilfe!
LG
Manu
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el cacique

« Antwort #9 am: 21. Januar 2016, 16:56 »
Hallo,

ich war zuletzt noch bis Ende 2015 in Venezuela, auch im März 2015 und fahre bald in 2016 wieder dorthin. Hier mein Reisebericht: Venezuela 12/2015

Die Grenzen zu Kolumbien wurden vor gut 4 Monaten auf dem Landweg geschlossen. Das neue Parlament, welches am 05.01.2016 erstmals zusammentrat, hat vor wenigen Tagen die Öffnung dieser Grenzen beschlossen bzw. das Dekret der Regierung zur Schließung als ungültig erklärt. Das Parlament (Legislative) hat die Regierung (Exikutive) angewiesen, die Öffnung der Grenzen umzusetzen. Aktuell werden Schulkinder im Grenzbereich wieder durchgelassen. Die Entwicklung hier: Grenze zu Kolumbien

Die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes sind zum Teil nicht aktuell bzw. schwach. Diese sind so pauschal formuliert, dass sie über Jahre hinweg eine gewisse Gültigkeit haben, ohne aber wirklich zu stimmen. Es gibt auch viele Punkte, die veraltet sind. Mein Vorschlag, besser hier zu lesen Alternative Reisehinweise 2016 oder halt aktuelle Reiseberichte über Venezuela: Reiseberichte


Zitat
Wir wollen im Juli gern los, und haben an die Gran Roque Inseln gedacht... Danach wollten wir auf dem Landweg weiter nach Kolumbien. So wie sich aber aktuell die Sicherheitslage liest, bin ich mir da nicht so sicher.
Los Roques heisst es eigentlich. Dies sind Koralleninseln vor der Küste von Venezuela. Dort ist das Risiko Null. Hierhin kommen nur die Reichen aus Venezuela (Yacht oder Flug) und solche Touristen, die bereit sind, p. P. ca. 300 USD für den Flug plus Unterkunft zu bezahlen. Hier zu mehr hier: Los Roques

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el cacique

« Antwort #10 am: 21. Januar 2016, 17:32 »
Ja, würde mich jetzt auch mal interessieren. Berichte sind natürlich immer subjektiv und generell glaube ich, dass es nie so gefährlich ist, wie es oft zu lesen ist. Grundsätzlich würde ich empfehlen sich nicht verrückt machen zu lassen und soweit es das Bauchgefühl und Menschenverstand zulässt selbst ein Bild zu machen. Da ihr ja schon in SA unterwegs wart, wisst ihr, welche „Sicherheitsregeln“ einzuhalten sind.

Speziell bei Venezuele finde ich interessant wie die soziale Lage ist, nachdem der Erdölpreis im Keller ist und die staatlichen, sozialen Programme nicht mehr finazierbar sind. Das ist wohl der Brennpunkt in Venezuela.

Wenn man irgendwelche „Rankings“ ansieht kann man es gleich lassen und zuhause bleiben.

Hier kann ich mich nur anschliessen. Der Herr "Nichthinfahrer" und die Frau "Ichkenneeinendereinenkennt" sind nie die besten Ratgeber. Bei der Beurteilung der Lage in Venezuela - auch in den Zeitungen - wird zu wenig zwischen Menschen, die dort in den Slums leben, und den Reisenden, die diese Slums nie sehen werden, differenziert.
Dies gilt für die Sicherheitslage, als auch für Versorgung mit Konsumgütern. Letztere gibt es alle, nur nicht zu den Dumping-Preisen der Regierung. Ein Beispiel ist Harina PAN, welches eines der Grundnahrungsmittel in Venzuela ist. Dieses darf laut Staat nur 26 VEF (pro Paket) kosten. Dies sind umgerechnet ca. 0,02 EUR. In Deutschland kostet dieses Produkt übrigens 3,00 EUR. Was passiert nun in Venezuela? Alle schlecht bezahlten Arbeitskräft haben ihren Job gewechselt und sind zu "Schlange-Stehern" vor den staatlichen Supermärkten geworden. Wenn sie dann 10 Pakete von diesem Mehl bekommen, verkaufen sie dieses für den 10-fachen Preis auf den Schwarzmärkten (zu 260 VEF = 0,20 EUR) weiter, an die Menschen, die keine Zeit haben, um Schlange zu stehen. Damit haben jene dann am nur 1 Tag 2.500 VEF verdient, das wären 25% ihres früheren Monatlohns als Gärtner, Putzfrau, Bote oder Kassiererin (10.000 VEF). Somit werden dann die Läden leer und die Schwarzmärkte versorgt. Andere Produkte werden über (grünen) Grenzen in benachbarte Ausland geschmuggelt und dort eben zu Markpreisen verkauft

Für einen Reisenden hat dies alles Null Auswirkungen ...

Zu den Zeitungslesern: Ausser der Jungen Welt hat keine Deutsche Zeitung eine Redaktion in Venezuela. Alle Berichte sind nur übersetzt bzw. aus zweiter oder dritter Hand ohne jedweses Venezuela-Know-How des Schreibenden. Der Redaktuer der NZZ sitzt in Sao Paulo. Dies ist nach Carcas nicht viel näher als von Lissabon. Der Redakteur der FAZ schreibt von Buenos Aires aus. Hier ist sicherlich Frankfurt näher an Caracas gelegen? Die Redaktion der ARD sitzt in Ciudad de México etc.

Fragen gerne.
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ulmi

« Antwort #11 am: 21. Januar 2016, 18:46 »
Hey el Cacique,

danke für den Seitenhieb auf die Qualität von "professionellem" Journalismus.

Teilweise echt jämmerlich, was man da aufgetischt bekommt, auch in anderen Themengebieten.

Grüßle vom ulmi
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el cacique

« Antwort #12 am: 21. Januar 2016, 20:04 »
... gerne!

Vielen glauben, wenn sie einen Zeitungslink posten, etwas wesentliches zur Sache beigetragen zu haben. Meine Meinung: Für Reisen und für Reiseplanungen sind Zeitungsartikel besonders ungeeignet.
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moilolita

« Antwort #13 am: 22. Januar 2016, 09:40 »
Hallo el cacique,

wow, vielen Dank für deine Ausführungen, das erklärt natürlich einiges!
Demnach hättest du also eher weniger Bedenken dorthin zu fahren - (die Frage klärt sich ja eigentlich von selbst, du fliegst ja wieder  ;D )

Danke schön, deine Links schau ich mir gleich an...

Juhuuu, das gibt mir wieder mehr Mut! :-)
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el cacique

« Antwort #14 am: 22. Januar 2016, 16:18 »
... viel Spass. Dort gibt es ja genügend Reiseberichte über Venezueal aus 2015, 2014 ...
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